Rathaus & Politik
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Kundgebung am Jüdischen Mahnmal, Klosterstraße, am 9.11.2009
Sehr geehrte Damen und Herren,
verehrte Frau Frankenthal, sehr geehrter Herr Boeken!
Der 9. November hat sich unauslöschlich in die Geschichte Deutschlands und Europas eingebrannt. Heute wehen die schwarzrotgoldenen Fahnen vor allen öffentlichen Gebäuden. Grund dafür ist die wundervolle, glückliche, friedliche deutsche Wiedervereinigung im Jahre 1989, heute vor zwanzig Jahren.
Dieses Ereignis ist für uns alle und für ganz Europa ein alljährlicher Anlass zur Freude. Es begründet die Hoffnung, dass wir Streit und Krieg friedlich überwinden können. Wir wollen und müssen den 9. November 1989 alle Jahre wieder als Symbol dafür feiern, was möglich ist, wenn die Menschen gemeinsam für Frieden und Freiheit und Gerechtigkeit eintreten.
Der 9. November ist jedoch vor allem unauslöschlich in die deutsche Geschichte eingebrannt als ein Datum, das für schlimmste Gräuel, für die massenhafte Verfolgung und Ermordung Unschuldiger im Namen des deutschen Staates steht. Wir dürfen am 9.11. die Wiedervereinigung feiern, aber wir müssen stets auch an das brutale Unrecht im Nazi-Deutschland, an die Juden-Verfolgung und an den grausamen Krieg erinnern. Sonst setzen wir uns selbst ins Unrecht.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 sind während der schrecklichen Pogromnacht an dieser Stelle die jüdische Synagoge und die jüdische Schule von Nationalsozialisten gebrandschatzt und zerstört worden. Ahlener Bürger jüdischen Glaubens wurden angegriffen, verletzt, verfolgt; der Tuchhändler Siegmund Spiegel kam dabei ums Leben. An jenem Tag vor 71 Jahren erlebte das so tumbe wie brutale und letztlich systematisch realisierte Hass- und Mordtreiben der Nazis gegen die Juden in ganz Europa einen ersten schrecklichen Höhepunkt.
Schon seit vielen Jahren versammeln sich am 9. November viele Menschen an dieser Stelle, um der schlimmen Ereignisse von 1938 zu gedenken. Ich danke Ihnen allen für Ihre Teilnahme heute Abend. Ich danke besonders unserem Forum Brüderlichkeit für die Vorbereitung dieser Veranstaltung. Der Sprecher dieses Forums, Rudolf Blauth, kann zum ersten Mal seit mehr als zwanzig Jahren nicht dabei sein und lässt sich entschuldigen.
Wie in jedem Jahr haben wir auch diesmal wieder einen prominenten Ehrengast zu unserer Kundgebung eingeladen. Ich freue mich, dass wir den Regisseur des Spielfilms „Unter Bauern“ gewinnen konnten, unser Gast zu sein und zu uns zu sprechen. Ihnen, lieber Ludi Boeken, sage ich Dank dafür, dass Sie eigens für diese Veranstaltung aus Paris angereist sind!
Ihr Film bewegt die Stadt Ahlen. Seit der Premiere am 8. Oktober haben ihn sich schon etwa 6.000 Menschen im Cinema angesehen. Immer noch strömen die Menschen tagtäglich ins Kino. Sie, Herr Boeken, haben das große Anliegen unseres Ehrenbürgers Imo Moszkowicz erfüllt und den beteiligten tapferen westfälischen Bauern ein filmisches Denkmal gesetzt.
Dieses Denkmal ergänzt unser bildhauerisch gestaltetes Mahnmal an dieser Stelle. Wir sehen hier künstlerisch verfremdet und dennoch deutlich die verfolgte jüdische Gemeinde Ahlens im Flammenmeer des 9.11.1938. Um die Köpfe der Gemeindemitglieder liegt der typisch westfälische Kälberstrick, mit dem die Kälber früher zur Schlachtbank geführt wurden.
Wenn Sie genau hinsehen, entdecken Sie aber auch eine Hand, die versucht, den Kälberstrick festzuhalten und damit dem schrecklichen Treiben mutig Einhalt zu gebieten. Die Wuppertaler Künstler, die dieses Mahnmal erstellt haben, dachten dabei an Therese Münsterteicher, die der Familie Moszkowicz in schlimmsten Zeiten mutig zur Seite gestanden hat.
In dem Haus, das an dieser Stelle stand, hat die Familie Moszkowicz damals gelebt, in der ersten Etage direkt über der jüdischen Schule. Einige Schritte weiter rechts finden wir mehrere sogenannte „Stolpersteine“. Sie erinnern an die Mutter und die vielen Geschwister von Imo Moszkowicz, die alle in Auschwitz ermordet worden sind.
Nur der Junge Imo hat überlebt. Wir wissen von ihm, dass es ausschließlich der Gedanke an die wenigen tapferen helfenden und rettenden Menschen war, der ihm die Kraft gab, 1945 aus Auschwitz nach Ahlen zurückzukehren und weiterhin in Deutschland zu leben.
Dabei hatte Moszkowicz immer auch die westfälischen Bauernfamilien im Sinn, die in dem Film dargestellt werden. Er wollte sein Lebenswerk eigentlich mit seinem Film über diese Bauern krönen und hat dafür fast dreißig Jahre lang unermüdlich gekämpft. Dies dokumentiert er selbst in dem Buch „Schlussklappe“. Es erfüllt Imo Moszkowicz mit viel Wehmut, dass er den Film nicht mehr selbst drehen konnte.
Andererseits muss es für den leider inzwischen sehr schwer erkrankten Regisseur eine große Genugtuung sein, wenn heute fast ganz Deutschland über die mutige Tat der westfälischen Bauern weiß. Wie bemerkenswert dabei der unermüdliche Einsatz der 97jährigen Marga Spiegel ist, brauche ich sicher nicht noch einmal besonders erwähnen. Im vergangenen Jahr war sie es, die gemeinsam mit mir den Kranz hier am jüdischen Mahnmal niedergelegt hat. Marga Spiegel ist heute Abend leider terminlich verhindert, lässt aber alle Anwesenden und besonders auch Ludi Boeken herzlich grüßen.
Lieber Herr Boeken, kein Ahlener kommt ungerührt aus Ihrem Film, der uns auch noch in Jahrzehnten wertvolle Dienste in der Erinnerungsarbeit leisten wird: in der Auseinandersetzung mit der Geschichte unserer Stadt wie auch im Bemühen unserer Lehrer, die Schüler im Geiste von Zivilcourage zu erziehen. Ich wünsche mir sehr, und dies ist ein Appell an alle anwesenden Schulleiter: Bitte leisten Sie unermüdlich Überzeugungsarbeit dafür, dass auch noch die letzte Klasse den Film anschaut und darüber diskutiert.

