Rathaus & Politik
- 1 Bürgermeister.
- 1.1 Grußwort des Bürgermeisters.
- 1.2 Vita des Bürgermeisters.
- 1.3 Sprechstunde des Bürgermeisters.
- 1.4 Aufgaben außerhalb der Stadtverwaltung.
- 1.5 Reden 2012.
- 1.6 Reden 2011.
- 1.7 Reden 2010.
- 1.7.1 10.01.2010 Neujahrsempfang der Stadt Ahlen.
- 1.7.2 19.03.2010 Kundgebung gegen Rassismus.
- 1.7.3 09.07.2010 Eröffnung des Stadtfestes.
- 1.7.4 18.09.2010 Grußwort Pöttkes- und Töttkenmarkt.
- 1.7.5 24.09.2010 Verleihung des Integrationspreises.
- 1.7.6 28.10.2010 Verleihung des Wirtschaftspreises.
- 1.7.7 09.11.2010 Kundgebung am Jüdischen Mahnmal.
- 1.8 Reden 2009.
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Kundgebung am Jüdischen Mahnmal am 9. November 2010, 19.00 Uhr
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich sehr, dass sich wieder so viele Menschen vor dem Jüdischen Mahnmal getroffen haben, um der Reichspogromnacht vor 72 Jahren, am 9.11.1938, zu gedenken. Im Verlauf dieser schrecklichen Nacht wurden auch die Ahlener Synagoge und die Jüdische Schule hier von Nationalsozialisten angezündet und zerstört. Mitbürger jüdischen Glaubens wurden angegriffen, verletzt, verfolgt und getötet – namentlich der Tuchhändler Siegmund Spiegel, der in jener Nacht von fanatischen Nationalsozialisten in der Wilhelmstraße zu Tode gehetzt wurde.
Leider brachten nur wenige Menschen in unserer Stadt damals den Mut und die Zivilcourage auf, den verfolgten Juden zur Seite zu stehen. Therese Münsterteicher, die schräg gegenüber des heutigen Mahnmals auf der anderen Seite der Klosterstraße gewohnt hat, war eine von ihnen.
Spätestens durch den Film „Unter Bauern“, den in Ahlen bereits 12.600 Menschen gesehen haben, wissen wir, dass eine jüdische Familie aus unserer Stadt, die Familie Marga und Siegmund Spiegel mit ihrer Tochter Karin von mutigen Bauern des Münsterlandes auf ihren Höfen erfolgreich versteckt und vor den Nazi-Häschern gerettet wurde. Ich freue mich sehr, dass die Zeitzeugin und Bauerstochter Anni Richter, geborene Aschoff, heute Abend hier unter uns weilt, und ich begrüße Sie hier auf das Herzlichste!
Anni Richter, die mittlerweile 88 Jahre alt ist und heute in Ahlen wohnt, hat in den letzten Wochen und Monaten an sehr vielen Veranstaltungen teilgenommen und vor allem mit Schülern über die damaligen Ereignisse diskutiert. In einigen Städten wie Gladbeck oder Waltrop hat sie sich in diesem Jahr sogar in das Goldene Buch eingetragen. Sie ist bereit, auch heute Abend nach dieser Kundgebung die Fragen des Publikums zu beantworten. Die Filmvorführung von „Unter Bauern“ beginnt um 20:15 Uhr im Cinema Ahlen. Vielleicht gibt es ja tatsächlich noch den einen oder anderen, der bislang noch keine Gelegenheit hatte, sich „Unter Bauern“ anzusehen, oder der sich den Film vielleicht noch ein zweites Mal ansehen und anschließend mit Anni Richter diskutieren möchte.
In den letzten Monaten, meine Damen und Herren, waren die Medien voll von Meinungen und Kontroversen zum Thema „Integration“. Ich habe mich persönlich sehr gefreut über die Antrittsrede unseres Bundespräsidenten, der deutlich gemacht hat, dass der Islam durch mehrere Millionen eingewanderter, hier lebender und arbeitender Muslime ein Teil unseres christlich-jüdischen geprägten Landes geworden ist.
Bundespräsident Wulff hat dabei ganz bewusst vom christlich-jüdisch geprägten Land gesprochen. Denn das Judentum, die jüdisch geprägte Kultur ist schon seit vielen Jahrhunderten in Deutschland zuhause. Das Leben in Deutschland war und ist geprägt von ganz herausragenden jüdischen Persönlichkeiten wie Theodor Adorno, Ernst Bloch, Martin Buber, Albert Einstein, Erich Fromm, Heinrich Heine, Rosa Luxemburg oder Kurt Tucholsky.
Manchmal, meine Damen und Herren, darf ja auch ein Bürgermeister, der eigentlich ein Realpolitiker sein sollte, seine Visionen äußern. Zumindest bei einem Anlass wie heute. Ich habe die Vision, dass eines Tages in Ahlen Menschen ganz unterschiedlicher Religionen oder Hautfarbe. Christen, Juden, Muslime oder auch Vertreter anderer Religionen friedlich als Ahlener zusammenleben können. Spätestens dann kann und darf und wird unser erfolgreich arbeitendes städtisches Integrationsteam schlicht überflüssig werden.
Mir ist natürlich klar, dass der Weg zu dieser Vision noch sehr weit ist. Der 9. November sollte uns jedes Jahr daran erinnern (und das ist die Lehre aus den schrecklichen Ereignissen der Pogromnacht). dass wir dieses Ziel nie aus den Augen lassen dürfen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
nach mir sprechen zwei Freunde unserer Stadt: zuerst Ruth Frankenthal, jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Münster, die sicher schon seit 20 Jahren bei dieser Kundgebung ihr Grußwort vorträgt. Vielen Dank, liebe Frau Frankenthal, dass wir auch diesmal wieder mit Ihnen rechnen konnten!
Nach ihr redet ein weiterer guter alter Freund unserer Stadt: Pfarrer i.R. Heinz Aden. Ich danke Ihnen, Herr Aden, dass Sie heute Abend zu uns gekommen sind, und ich bin sehr gespannt, was Sie uns (bestimmt wie immer sehr anspruchsvoll) zu sagen haben.
Mein Dank gilt schließlich dem Posaunenchor der Evangelischen Kirchengemeinde Ahlen unter der Leitung von Rolf Leuthardt, der uns mit insgesamt vier besinnlichen Liedern erfreuen wird, und allen Menschen, die die heutige Kundgebung vorbereitet haben.
Ich gebe nun das Wort an Ruth Frankenthal.

