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Rede von Bürgermeister Benedikt Ruhmöller am 9.11.2011 auf der Kundgebung am Jüdischen Mahnmal in Ahlen

Foto: Das Jüdische Mahnmal in der Klosterstraße.
Das Jüdische Mahnmal in der Klosterstraße.

Sehr geehrte Damen und Herren,

wie in jedem Jahr freue ich mich sehr, Sie so zahlreich auf dieser Kundgebung an unserem Jüdischen Mahnmal begrüßen zu dürfen. Am 73. Jahrestag der Pogromnacht vom 9. November 1938 gedenken wir hier erneut der Opfer der gnadenlosen Verbrechen des Nationalsozialismus. Auch Ahlener Bürger jüdischen Glaubens sind von den Nazis in gar schrecklicher Weise verfolgt, vertrieben und ermordet worden.

Wir kommen allmählich in eine Zeit, in der es kaum noch Zeitzeugen für die Nazi-Zeit, diese dunkelste Spanne der deutschen Geschichte gibt. Es gibt kaum noch Zeitzeugen der damaligen schrecklichen Ereignisse und auch kaum noch Zeitzeugen der damaligen Zivilcourage. Einige wenige mutige Menschen haben damals versucht, dem unsäglichen, unmenschlichen Treiben der Nazis Einhalt zu gebieten. Am 11. Januar dieses Jahres starb unser Ehrenbürger Imo Moszkowicz und am 27. Juni Anni Richter, geborene Aschoff. Sie gehörte zu jenen münsterländischen Bauernfamilien, von denen die jüdische Familie Spiegel auf ihren Höfen versteckt wurde. Wir werden Imo Moszkowicz und Anni Richter ewig unser ehrendes Angedenken widmen.

Eine große Freude ist es mir, dass die letzte noch lebende Ahlener Jüdin Marga Spiegel immer noch dazu bereit ist, mit Ahlener Schülern das Gespräch zu suchen. Marga Spiegel ist inzwischen 99 Jahre alt und doch ganz nahe bei der Ahlener Jugend, wenn diese nach der Vergangenheit fragt und nach Versöhnung strebt. Ich habe den 21. Juni 2012 fest in meinen Terminkalender eingetragen, um dann mit Marga Spiegel ihren 100. Geburtstag zu feiern.

Diese Kundgebung zur Pogromnacht 1938 soll immer auch dazu dienen, aus der schrecklichen Vergangenheit unseres Landes und unserer Stadt gute Lehren für unsere Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Denn was nützt unser Rückblick auf die Verbrechen des Nazi-Deutschlands, wenn daraus keine Konsequenzen für ein friedliches, verständnisvolles und tolerantes Zusammenleben in unserer Stadt folgen?

In dieser Hinsicht hat sich in den letzten Jahren in Ahlen sehr viel getan. Und doch bleibt dies immer nur ein Anfang: Ein Anfang in unserem Bemühen, die Besonderheiten der verschiedenen Kulturen und Religionen und Nationalitäten zu respektieren, und ein Anfang in unserem Bemühen, mit allen verfügbaren Möglichkeiten die Integration der Menschen mit Migrationshintergrund in Ahlen, die anteilig immer mehr werden, zu fördern.

Dass dieses Bemühen im Alltag nicht immer einfach und erfolgreich ist, brauche ich Ihnen, die Sie heute anwesend sind, nicht zu erklären. Aber wir Ahlener haben selbst erkannt, dass der schwierige Weg des gegenseitigen Respekts und der Integration konsequent und zielstrebig gegangen werden muss. Wir haben es überhaupt nicht nötig, uns von einem Herrn Sarrazin aus Berlin eines Anderen, vermeintlich Besseren belehren zu lassen.

Viele der in Sarrazins Buch aufgelisteten vielen Statistiken mögen ganz interessant sein. Für mich ist jedoch bei allen Problemen, die mit einem hohen Anteil an Menschen mit Zuwanderungshintergrund in der Bevölkerung verbunden sind, vor allem entscheidend, dass wir offen auf die in unsere Stadt zugewanderten Menschen zugehen und sie mit einem herzlichen Willkommen so einbinden, wie es uns zum Beispiel in unserem Integrationsrat so vorbildlich gelingt.

Dabei ist es äußerst kontraproduktiv, es ist sogar diskriminierend, wenn Sarrazin populistisch über angebliche „Erbfaktoren“ als Hintergrund für ein angebliches „Versagen“ türkischstämmiger Migranten im deutschen Schulsystem spekuliert. Mit solchen oder ähnlichen Annahmen wird unserem gemeinsamen Bestreben nach Integration ein Bärendienst erwiesen, werden neue Gräben gezogen, anstatt dass bestehende Gräben gemeinsam überwunden werden.

Ich finde es bezeichnend, dass die völlig überflüssige Veranstaltung mit Sarrazin in Ahlen ausgerechnet von der idiotischen neonazistischen Gruppe der „Autonomen Nationalisten“ auf ihrer Homepage begrüßt und beworben wird. Ich sage dagegen auch als Bürgermeister von Ahlen ausdrücklich: Uns sind der fromme Muslime, der engagierte türkischstämmige Mitbürger in unserer Stadt lieber und willkommener als das Gastspiel eines spaltenden Statistikers.

Wir lieben Ahlen gerade so bunt, multikulturell und tolerant, wie sich diese Stadt heute darstellt – im fünfzigsten Jahr nach dem Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei, nachdem viele Menschen vom Bosporus hierher gekommen sind, um als Ahlener unsere Stadt nach vorne zu bringen.

Oft wird die Kundgebung am Jüdischen Mahnmal von prominenten Rednern gestaltet. Heute Abend sind jedoch einmal junge Leute vom Berufskolleg St. Michael an der Reihe. Sie werden ihre Beiträge eher unbekannten verfolgten Ahlener Juden widmen – in Form sogenannter „Gedenkblätter“, die in einem Projekt mit der städtischen Kulturabteilung erarbeitet worden sind.

Diese „Gedenkblätter“ wurden als sehr persönliche Denkmäler für die Opfer des Holocaust erarbeitet. Es handelt sich um fiktive Tagebücher von Jugendlichen der heutigen Zeit, die versucht haben, sich in die Situation der Gleichaltrigen in der damaligen Zeit der schrecklichen Pogrome hineinzuversetzen. Die „Gedenkblätter“ versuchen, die Geschichten hinter den „Stolpersteinen“ zu beschreiben, die in den letzten Jahren in Ahlen an den letzten Wohnorten unserer jüdischen Mitbürger verlegt worden sind.

Bevor gleich die Jugendlichen vom Berufskolleg St. Michael exemplarisch ihre „Gedenkblätter“ vorstellen, gebe ich erst einmal Ruth Frankenthal das Wort. Ich freue mich, dass mit ihr wie in jedem Jahr die jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Münster zu uns sprechen wird.