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Feierliches Gelöbnis am 23.11.2011 im Sportpark Nord in Ahlen- Gelöbnisrede von Bürgermeister Benedikt Ruhmöller

Foto: Bürgermeister Benedikt Ruhmöller spricht beim Gelöbnis im Sportpark Nord (Foto: Rudolf Rademacher - Ahlener Tageblatt)
Bürgermeister Benedikt Ruhmöller spricht beim Gelöbnis im Sportpark Nord (Foto: Rudolf Rademacher - Ahlener Tageblatt)

Sehr geehrter Herr Oberfeldarzt Dr. Grohmann,
verehrte Ehrengäste, sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Rekrutinnen und Rekruten!


Im Namen der Garnisonstadt Ahlen begrüße ich Sie zu diesem feierlichen Gelöbnis. Mein herzliches Willkommen gilt besonders den Rekrutinnen und Rekruten aus dem Panzerartilleriebataillon 215 und dem Panzerpionierbataillon 1, aus der Heeresfliegerwaffenschule und dem Sanitätsregiment 22 „Westfalen“, dem Patenbataillon der Stadt Ahlen. Es ist mir eine große Freude, heute wieder so viele junge Soldatinnen und Soldaten zu einer Gelöbnisfeier in diesem Stadion angetreten zu sehen. Sie bieten ein beeindruckendes Bild! Sie werden hoffentlich auch selbst diesen Tag Ihrer Verpflichtung in guter Erinnerung behalten.

Jedes Mal, wenn ich die große Ehre habe, bei einem Feierlichen Gelöbnis dabei zu sein, denke ich unweigerlich zurück an den Tag, als ich selbst als Kanonier der Bundeswehr zu meinem Gelöbnis antreten musste. Es war damals ebenfalls schon ziemlich dunkel, und es wurde zunehmend kälter. Ich fühlte mich eigentümlich, es war anstrengend, und doch wurde ich auch gefangen von der Stimmung, der Feierlichkeit und der Ernsthaftigkeit, die mit der Veranstaltung einhergingen.

Und so nervig die langen Reden zuvor gewesen waren: Ich kriegte dann, daran erinnere ich mich noch genau, das berühmte Gänsehaut-Feeling, als wir vielstimmig und stockend, aber laut hallend unser Gelöbnis sprachen – so wie Sie es heute tun werden.

Das Feierliche Gelöbnis: Es ist eine eigentümliche und für manchen vielleicht komische, immer sehr feierliche und gänsehaut-würdige Veranstaltung. Dies gilt heute wie damals, als ich an Ihrer Stelle stand, vor über drei Jahrzehnten. Das Zeremoniell hat sich seitdem kaum gewandelt; ich hätte heute jeden Schritt mit Ihnen gemeinsam marschieren können. Aber die Welt, in der das Gelöbnis heute stattfindet, hat sich in den letzten dreißig Jahren total verändert. Sie ist komplizierter und anspruchsvoller denn je. Unsere Gesellschaft wird heute von einer Vielzahl unterschiedlicher, gegensätzlicher, widersprüchlicher Tendenzen beherrscht.

Wir erleben in unserer Welt, besonders auch in Deutschland die Lust an der Verinnerlichung wie an der Globalisierung. Wir erleben die Bedrohung des Euros und neue Völkerwanderungen aus den Entwicklungsländern, den Himmelssturm Chinas oder radikale politische und religiösen Tendenzen. Unsere Welt scheint heute zu wanken und zu rutschen. Ein sicheres Gefüge, ein fester Halt scheinen kaum greifbar zu sein. Doch trotz dieser Veränderungen, trotz aller Launigkeit und aller Gefährdungen der Gegenwart werden Sie gleich geloben, dass Sie der Bundesrepublik Deutschland treu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer verteidigen wollen.

Wie passt dieses Gelöbnis, wie passt diese Veranstaltung in eine Zeit und eine Gesellschaft, die von Individualismus und Globalisierung, von Egoismus und Wankelmut geprägt zu sein scheinen? Ist nicht uns allen – bei aller Feierlichkeit – ein wenig beklommen zumute angesichts der Verpflichtung, zu der Sie sich gleich bekennen werden? Stehen dieses Bekenntnis und überhaupt Ihre Rolle als freiwillig wehrpflichtige Soldaten nicht im Widerspruch zu den herrschenden Lebensmustern unserer Gesellschaft?

Ich sage: Sie stehen dazu in einem positiven Widerspruch; das ist gut so; seien Sie stolz darauf!

Denn mit Ihrem Gelöbnis bekennen Sie sich zu dem Solidarverband unseres Staates, der Bundesrepublik Deutschland. Sie verpflichten sich zu Verlässlichkeit und lassen Sie sich in die Verantwortung nehmen. Indem Sie das Recht und die Freiheit unseres Volkes – also aller Mitbürgerinnen und Mitbürger – zu einem schützenswerten Gut erklären, das zu verteidigen Sie bereit seien, zeichnen Sie mit an einem humanen Gesicht unserer Gesellschaft.

Ich weiß: Ihr Dienst in der Bundeswehr, auch wenn Sie ihn freiwillig leisten, ist meistens nicht vergnügungssteuerpflichtig. Sie müssen persönliche und berufliche Einschränkungen auf sich nehmen, viele unangenehme Belastungen ertragen. Ich denke an das ungewohnte Zusammensein mit bislang völlig unbekannten Kameraden, das Einstellen auf fremde Verhaltensweisen und Ansichten. Auch an den Umgang mit den Vorgesetzten, mit Befehl und Gehorsam, wobei ich weiß, dass der Umgangston in den letzten dreißig Jahren etwas weniger rau geworden ist. Dann die Unannehmlichkeiten und Anstrengungen der Ausbildung, die Einsätze bei Wind und Wetter und in der Nacht.

Wenn Sie sich trotz all dieser zwangsläufigen Begleiterscheinungen und Konsequenzen des Wehrdienstes gleich ausdrücklich und öffentlich zum treuen Dienst und zur tapferen Verteidigung von Recht und Freiheit verpflichten, gebühren Ihnen allen unsere Hochachtung, unser Respekt für Ihre Bereitschaft zu einer wichtigen gesellschaftlichen Mitwirkung und Dienstleistung, die auch mit persönlichen Opfern einhergeht.

Unseren Respekt, unsere Hochachtung verdient Ihr Dienst in der Bundeswehr heute mehr denn je. Denn heute muss die Bundeswehr in einem früher ungeahnten Maße aktiv an der weltweiten Friedenssicherung mitwirken. Die Pflichten der Bundeswehr beschränken sich längst nicht mehr auf die Sicherung und Verteidigung Deutschlands. Deutschland ist global gefordert, Kriege zu verhindern und deshalb auch selbst Krieg zu führen, die schrecklichen Folgen von Kriegen zu beheben, den Terror zu bekämpfen und die Schwachen weltweit zu schützen.

Die Bundeswehr wird heute in vielen sehr schwierigen, auch sehr gefährlichen Friedensmissionen eingesetzt. Soldatinnen und Soldaten aus unserer Westfalenkaserne und aus den anderen Standorten sind wiederholt an den Brennpunkten der Erde im Einsatz. Angesichts der internationalen und gefahrvollen Friedensbemühungen im Dienste Deutschlands ist es umso angesagter und notwendiger, dass wir uns alle ausdrücklich zu unserer Bundeswehr bekennen, dass wir den jungen Frauen und Männern, die heute ihr Gelöbnis zum Dienst ablegen, unsere Anerkennung zollen.

Ich möchte diese feierliche Stunde auch dazu nutzen, der Bundeswehr für ihre über fünfzigjährige Anwesenheit in Ahlen zu danken. Soldatinnen und Soldaten verschiedener Verbände fanden hier ihre Heimat. Nach der Strukturentscheidung vom 26. Oktober wird Ahlen auch weiterhin Standort bleiben. Wehmütig müssen wir uns allerdings die Tatsache zur Kenntnis nehmen, dass uns eine Perspektive mit – ich sage ganz bewusst – „unserem“ Sanitätsregiment 22 versagt wird. Die „Blauen“ sind uns während Ihrer Zeit in der Westfalenkaserne nicht nur zu Partnern, sondern zu Freunden geworden. Mögen wir bis zur Umsetzung der Strukturentscheidung noch viele Gelegenheiten der Zusammenarbeit und des geselligen Miteinanders finden.

Liebe Rekrutinnen und Rekruten, ich danke Ihnen für das Gelöbnis, das Sie gleich ablegen werden, und für das damit verbundene Versprechen, sich auf einen oft unangenehmen, harten und vielleicht sogar gefährlichen Wehrdienst einzulassen.

Aber ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihre Bundeswehrzeit – genauso wie ich damals – nicht nur als reine Belastung erleben: dass Sie an der Arbeit und den Einsätzen, die Sie sehr fordern werden, auch Freude haben; dass Sie die Möglichkeiten zur persönlichen Entwicklung und vielleicht auch zur beruflichen Qualifizierung wahrnehmen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihren Wehrdienst gesund überstehen; dass Sie überdies nachhaltige Gemeinschaftserlebnisse und auch einigen Spaß haben werden.

Ich wünsche Ihnen und uns allen, dass wir diese Feier Ihres Gelöbnisses nicht beklommen, sondern voller Freude über Ihr öffentliches Bekenntnis zum gesellschaftlichen Dienst und zum Dienst für den weltweiten Frieden erleben.