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Begrüßung zum 26. Ahlener Arbeitnehmer/-innen-Empfang am 30.4.2011

Am Vorabend des 1. Mai – des Tages der Arbeit – empfängt Ahlens Bürgermeister traditionell die Vertreterinnen und Vertreter der Gewerkschaften, Betriebs- und Personalräte, Sozialverbände und anderer sozial engagierter Organisationen. Dazu begrüßte Benedikt Ruhmöller auch am 30. April 2011 zahlreiche Persönlichkeiten im Rathaus:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,

warum gibt es eigentlich Gewerkschaften, Betriebs- und Personalräte, warum gibt es die Mitbestimmung in den Unternehmen und Behörden? Diese Frage hier und heute zu stellen, vor diesem versierten Publikum, erscheint nahezu lästerlich. Und doch habe ich den Eindruck, dass sich unsere Gesellschaft mit der Frage oder mehr noch mit der Antwort schwer tut.

Warum Gewerkschaften, wofür Betriebs- und Personalräte, wozu Mitbestimmung? Naja, irgendwo steht dazu was in unserem Grundgesetz. Sogar an einer Stelle, wo unsere Verfassung unveränderlich ist. Die Koalitionsfreiheit zählt zu den unantastbaren Grundrechten. Das ist schon mal einigermaßen tröstlich; es beantwortet jedoch nicht die gestellte Frage.

Mit dieser Frage bzw. mit der Antwort, ich hab’s schon gesagt, scheint sich unsere Gesellschaft zunehmend schwer zu tun. Achten Sie nur mal darauf, wie abfällig bisweilen in manchen Medien über die Gewerkschaften berichtet wird! Es scheint zu gelten: In wirtschaftlich schlechten Zeiten, wie wir sie in den letzten Jahren der Finanzkrise erlebt haben (und diese Krise ist noch keinesfalls überwunden), sollen sich die Interessenvertretungen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mal schön brav verhalten. Und in wirtschaftlich besseren Zeiten sollen sie bitte mal schön zufrieden sein. Da brauchen wir sie doch eigentlich gar nicht – so scheint man zu meinen.

Umso wichtiger ist es mir, dass wir hier in Ahlen wie in der ganzen Republik und weltweit an der guten alten Tradition des 1. Mai festhalten. Dies ist nicht nur irgendein freier Tag für Ausflüge und heitere Feiern. Es ist der Tag, an dem die Arbeit, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, auch die Gewerkschaften und die Mitbestimmung gewürdigt werden. Und mir ist es auch wichtig, dass wir hier in Ahlen an diesem Empfang am Vorabend des 1. Mai festhalten. Diese Tradition wurde 1986 von unserem Altbürgermeister und Ehrenbürger Horst Jaunich eingeführt, wofür ich ihm sehr dankbar bin.

Also begrüße ich heute zum 26. Mal zu diesem Empfang die Repräsentanten der Ahlener Arbeitnehmerschaft. Mit Ihnen begrüße ich Persönlichkeiten, die sich in den Gewerkschaften, in Betriebs- und Personalräten für eine gerechte Arbeitswelt, für Mitbestimmung, für sozialen Ausgleich und Solidarität in unserer Stadt stark machen. Ferner heiße ich die Delegationen der Sozial- und Wohlfahrtsverbände, der Frauenförderung, der Interessenvertretungen der Menschen mit Behinderung sowie der Menschen mit Migrationshintergrund willkommen.

Sie alle setzen sich in sehr unterschiedlicher Weise, meistens ehrenamtlich, jedoch oftmals sehr intensiv und nachhaltig für jene Menschen ein, die der Hilfe bedürfen. Damit kämpfen Sie für mehr Gerechtigkeit in einer Gesellschaft, die zunehmend von Vereinzelung, Selbstsucht und Gewinnstreben geprägt wird. Und darauf sind wir unablässig angewiesen!

Die Stadt Ahlen möchte Ihnen mit diesem Empfang „Danke“ sagen für Ihr unverzichtbares Engagement. Wir möchten Ihnen unsere Wertschätzung zum Ausdruck bringen und deutlich machen: Für uns stellen Gewerkschaften und die Mitbestimmung immanente Wesensmerkmale einer von den Bürgerinnen und Bürgern mitgetragenen und mit gestalteten demokratischen, sozialen und gerechten Gesellschaft dar.

Doch wir möchten mit diesem Empfang noch mehr erreichen: Wir suchen auch das Gespräch mit Ihnen, Ihre Anregungen und Ihre Zusammenarbeit. Deshalb begrüße ich auch die anwesenden Ratsmitglieder und Verwaltungsleute, und ich hoffe sehr, dass es im Rahmen dieser Veranstaltung zu vielen guten Gesprächen zwischen den Vertretern der Stadt und der organisierten Arbeitnehmerschaft kommt – als Grundlage für eine weiterführende Zusammenarbeit.

Namentlich möchte ich neben dem Sprecher des Ahlener DGB, unserem Ratsmitglied Karl-Heinz Meiwes, den Repräsentanten der DGB-Region Münsterland, Heinz Rittermeier, willkommen heißen. Dieser wird gleich ein Grußwort an uns richten.

Lassen Sie mich bitte vorweg – vielleicht auch als Impuls für Ihre Gespräche – noch ein Thema anreißen, das uns in der Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung aktuell enorm beschäftigen muss und das eine schwierige Herausforderung auch in der Zukunft darstellen wird: nämlich der zunehmende Mangel an qualifizierten Beschäftigten für unsere Betriebe, Behörden und andere Arbeitgeber.

Viele Jahre lang standen wir in Ahlen mehr noch als andernorts vor dem Problem, dass unseren jungen Leuten nicht genügend Lehrstellen und tragfähige berufliche Perspektiven geboten werden konnten. Damit haben wir uns in vielen Gremien und zahllosen Sitzungen beschäftigt. Jahrelang haben wir in den Betrieben für mehr Ausbildung geworben. Wir haben hier in Ahlen eigens eine Ausbildungskonferenz eingerichtet, um das Problem gemeinsam anzugehen. Dabei haben wir immer wieder auch auf die drohende demografische Entwicklung hingewiesen, der sich auch alle Arbeitgeber frühzeitig stellen müssten.

Nun ist die Situation da! Es fehlt zunehmend an qualifizierten Auszubildenden und Arbeitskräften. Die Arbeitgeber stehen in einer wachsenden Konkurrenz um geeignete Beschäftigte. Dies ist eine gewaltige Herausforderung besonders auch für den Wirtschaftsstandort Ahlen mit seinen vielen mittelständischen gewerblichen Unternehmen. Eine Situation, die erneut den Einsatz aller Kräfte und eine gemeinsame Anstrengung erfordert.

Die Stadt Ahlen antwortet auf diese Herausforderung mit einer massiven Bildungsoffensive. Wir sehen uns in der Pflicht, den jungen Leuten möglichst viel und möglichst gute schulische Bildung zu vermitteln. Deshalb investieren wir in erheblichem Maße in unsere Schulen. Deshalb treten wir für die Ganztagsschule ein. Deshalb nutzen wir in der Schulentwicklung alle Modellprojekte und Schulversuche, die uns das Land anbietet. Unser erklärtes Ziel ist es, möglichst vielen jungen Leuten möglichst gute Schulabschlüsse zu vermitteln. Dabei müssen wir im Rahmen unserer Integrations- und Bildungspolitik auch die zunehmend vielen Kinder aus Migranten-Familien erreichen.

Doch auch von den Unternehmen erwarte ich insofern erheblich mehr Anstrengungen. Manche haben die Herausforderung schon angenommen, andere müssen für das Problem noch sensibilisiert werden. Wir brauchen eine Qualifizierungsoffensive der Wirtschaft! Das bedeutet:
-    Die Betriebe müssen noch mehr und noch intensiver als bisher mit den Schulen kooperieren, um den Jugendlichen ihre Berufsbilder zu vermitteln und sie in der Berufsorientierung zu unterstützen.
-    Die Betriebe müssen sämtliche Potenziale ausnutzen, die für Ausbildung verfügbar sind; sie müssen jetzt auch über den aktuellen Bedarf hinaus ausbilden und sich dafür jedem Klientel öffnen. Denn sonst schauen sie irgendwann „in die Röhre“, und dann hilft kein Jammern mehr.
-    Drittens ist es notwendig, dass die Unternehmen ihren Beschäftigten – auch den älteren – zusätzliche Möglichkeiten zur Qualifizierung vermitteln. Die Fachhochschulen in Münster wie in Hamm bieten dafür das duale Studium an, das man neben der beruflichen Tätigkeit absolvieren kann – diese Chance wird jedoch noch viel zu wenig wahrgenommen.

Ich sehe in dem zunehmenden Mangel an Fachkräften eine gemeinsame Herausforderung der Arbeitgeber, der Politik und der Mitbestimmung durch die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Wir müssen uns diesem Problem gemeinsam stellen!

Nochmals danke ich Ihnen allen für Ihr Engagement. Ich wünsche Ihnen heute viele gute Gespräche und morgen einen sonnigen 1. Mai! – Glückauf!