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„Im Gedenken der Kinder“ – Ausstellung erinnert an die Ermordung Kranker und Behinderter zur NS-Zeit

Etwa fünfzig interessierte Besucherinnen und Besucher kamen am Donnerstagabend in das St.-Franziskus-Hospital, um der Eröffnung der Ausstellung „Im Gedenken der Kinder“ beizuwohnen.

Die von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) zusammengestellte Dokumentation zeigt erschreckende Beispiele für das NS-Tötungsprogramm, in dem zwischen 1933 und 1945 etwa 300.000 kranke und behinderte Menschen in Krankenanstalten ermordet worden sind. Im Mittelpunkt stehen die von Kinderärzten verübten Verbrechen an Kindern. 

In seiner Begrüßung sagte Bürgermeister Dr. Alexander Berger, die Täter seien unverdächtig dahergekommen. „Die Opfer und deren Angehörige vertrauten sich Ärzten, Krankenhausleitungen und Pflegern in der Erwartung an, menschliche Zuwendung und Linderung zu finden“ Nach über 70 Jahren sei es noch immer schwer zu fassen, wie sich ein medizinisches System, das sich dem Heil der Menschen verpflichtet fühlt, in solchem Ausmaß pervertieren konnte. Kaum einer der Täter sei nach dem Kriege für seine Beteiligung am Massenmord zur Rechenschaft gezogen, „viel zu viele erlangten wieder Ansehen und wissenschaftliche Reputation.“ Berger gab zu bedenken, dass dem staatlichen organisierten Verbrechen auch die damals gängige Einstellung gegenüber behinderten Menschen Vorschub geleistet habe. Betroffenen ließ man keine Förderung und Integration angedeihen, stattdessen seien sie versteckt oder abgeschoben worden. „In diesem Klima des nicht Dazugehörens, der Separation und des Verstecken keimte die Saat, die die letzten Hemmungen fallen ließ.“

Das Grundgesetz garantiere als Lehre aus den Verbrechen der Nazizeit allen Menschen ungeachtet ihrer Rasse, ihres Geschlechts und ihrer gesundheitlichen Verfassung die unantastbare Würde, so Berger: „Es ist Ausdruck unseres humanen Selbstverständnis, allen Menschen die volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.“ Auch wenn manche der heutigen Anstrengungen auf Integration und Inklusion noch nicht der Weisheit letzter Schluss seien, so stimme doch die Richtung: „Menschen mit besonderem Fürsorgebedarf gehören nicht an den Rand, sondern in die Mitte der Gesellschaft“, postulierte das Stadtoberhaupt.

In seinem anschließenden Vortrag erinnerte Prof. Dr. Hans-Michael Straßburg auch an Menschen, die sich dem Nazi-Terror widersetzten. Hervorzuheben sei der frühere Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen. Mit seinen mutigen Predigten habe er 1941 erreicht, dass die Überstellungen in die Tötungsanstalten gestoppt worden seien. Die Schlechtbehandlung und Mangelernährung sei jedoch weitergegangen, was tausendfach den gewollten Tod schutzbedürftiger Menschen zur Folge gehabt habe. Noch bis in die 1960er-Jahre sei die Tötung kranker Menschen vom damaligen Leiter der Kieler Universitätskinderklinik gutgeheißen worden. Straßburg, der Mitglied der Historischen Kommission des DGKJ ist, warnte vor voreiligen Schlüssen. „Die Ausstellung kann zeigen und erklären, wie es zu den Exzessen kam, entschuldigen kann sie nichts.“ Viele Ärzte seien „in einen Strudel gezogen worden, der nicht mehr aufzuhalten war.“ Die Auseinandersetzung mit dem Unrecht der Nazizeit möge Orientierung bieten, um Antworten auf ethische Fragen zu finden, die sich heute in der Medizin stellten.

Dr. Carsten Krüger, Leiter der Ahlener Kinderklinik und Motor der im Rahmen der „Woche der Brüderlichkeit“ stattfindenden Ausstellung, formulierte es als die Pflicht seines Berufsstandes, auch „die schwierigen und dunklen Seiten anzufassen.“ Es sei notwendig, die richtigen Schlüsse zu ziehen, um weder geschichts- noch orientierungslos zu werden. Die Ausstellung „Im Gedenken der Kinder“ ist bis zum 17. März im Eingangsbereich des Krankenhauses zu sehen.

Foto: Die Kooperationspartner eröffneten die Ausstellung im St.-Franziskus-Hospital: (v.l.) Dr. Carsten Krüger, Prof. Dr. Hans-Michael Straßburg, Dr. Alexander Berger, Werner Fischer (Forum Brüderlichkeit), Franz Tripp (Bürgerstiftung), Lars König (

Die Kooperationspartner eröffneten die Ausstellung im St.-Franziskus-Hospital: (v.l.) Dr. Carsten Krüger, Prof. Dr. Hans-Michael Straßburg, Dr. Alexander Berger, Werner Fischer (Forum Brüderlichkeit), Franz Tripp (Bürgerstiftung), Lars König (Familienbildungsstätte), Winfried Mertens (Verwaltungsdirektor des St.-Franziskus-Hospitals), Rudolf Blauth (Volkshochschule)