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Ahlener Friedensbotschaft für Akzeptanz und Vielfalt

Erstmals standen im Rahmen eines Neujahrsempfangs der Stadt Ahlen die Glaubensgemeinschaften im Mittelpunkt. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Münster, Sharon Fehr, ergänzte als Teilnehmer eine Podiumsrunde, die unter Moderation von Markus Möhl die Bedeutung der in Ahlen beheimateten Glaubensgemeinschaften für das gesellschaftliche Leben in der Stadt diskutierte.

Die Aussichten darauf, dass es nach dem „barbarischen Zivilisationsbruch“ der Nazizeit jemals wieder ein aktives jüdisches Leben in Ahlen geben könnte, sah der Gast aus Münster gegen Null tendieren. Jüdische Menschen ziehe es in die Großstädte, „dorthin, wo es auch eine jüdische Infrastruktur und funktionierende Gemeinden gibt.“ Als gut bezeichnete Sharon Fehr die Beziehungen zwischen seiner Gemeinde in Münster und der Stadt Ahlen. Sowohl er als auch Ruth Frankenthal seien regelmäßig Gäste in Ahlen, wo es seit dem frühen 17. Jahrhundert bis zu seiner Auslöschung ein aktives jüdisches Gemeindeleben gegeben habe.
 
Toleranz allein sei nicht genug im Verhältnis der Religionen und Gläubigen zueinander, meinte Bürgermeister Berger. „Lieber wäre mir an ihrer Stelle eine aufrichtig gemeinte Akzeptanz.“ Menschen und ihr Glauben seien so anzunehmen, wie sie sind. Es reiche nicht, „sie nur zu ertragen oder hinzunehmen.“ Der Besuch der „Stoppelmesse“ zum Erntedankfest der Landwirte habe ihn bewogen, in diesem Jahr die Religion zum Thema seines Empfangs zu machen. „Sie ist wichtig, das habe ich gespürt.“ Auch die Statistik belege dies. 21.500 Menschen werden in Ahlen zur katholischen Kirche, 10.700 zur evangelischen gezählt. Für weitere 22.000 ist zwar keine Zugehörigkeit zu einer öffentlich-rechtlichen Religionsgemeinschaft registriert. Zu ihnen zählen aber die Bürgerinnen und Bürger mit muslimischem Bekenntnis und orthodox-christlich Gläubige. „Eine deutliche Mehrheit aller Ahlener bekennt sich also nach wie vor zu einem Glauben - allen Kirchenaustritten und schlagzeilenträchtigen Skandalen zum Trotz.“

Keine unerreichbar großen Erwartungen möchte Willi Stroband an die Bedeutung der Religionen knüpfen. „Wenn alle Ahlener, egal welcher Religion, nur eine Ahnung von Gott haben, das reicht mir schon“, so der katholische Pfarrer. Dass die Kirchenbesucher weniger werden, sei eine Entwicklung, die er zwar zur Kenntnis nehme. „Wichtiger ist mir aber immer die Begegnung mit dem einzelnen Menschen.“ Strobands evangelische Amtskollegin Martina Grebe erinnerte an die Anfänge des interreligiösen Dialogs in den Neunzigerjahren. Im Ahlener Osten habe sich ein kontinuierlicher christlich-muslimischer Austausch entwickelt. Auffallend sei stets gewesen, dass muslimische Jugendliche ihre Glaubensregeln besser beherrschten als ihre gleichaltrigen christlichen Gesprächspartner.

Bildung und soziales Engagement „in und für die Stadt“ sei auch heute noch wichtiger Bestandteil des Gemeindelebens, bekräftigte Vorsitzender Ilkay Danismaz für die islamische Kultusgemeinde. 1978 habe sie sich in Ahlen geründet, heute zählt sie rund 4000 Mitglieder. Seit seiner Amtsübernahme stehen die Türen der Moschee nicht nur jeden Tag für jedermann offen, „wir beteiligen uns auch an öffentlichen Veranstaltungen“, hält Danismaz, der zugleich Vorsitzender des Ahlener Integrationsrates ist, sowohl Transparenz als auch die öffentliche Wahrnehmung der Muslime für unabdingbar. Er vertrete die Ansicht, „dass Religion und der Glaube an Gott verbinden, nicht trennen soll.“  

Seit einem halben Jahrhundert gehören zu Ahlen auch syrisch-orthodox Gläubige. Etwa 2000 von ihnen haben sich in zwei Gemeinden zusammengeschlossen. „Für uns Aramäer ist Deutschland das Vaterland“, sagte Dr. Atik Abraham, Vorsitzender des Kirchenrates der Gemeinde St. Georg. Krieg und Vertreibung in den angestammten Herkunftsgebieten habe sie auch nach Ahlen geführt, wo sie das Aramäische als „Sprache der Liturgie und Sprache Jesu“ förderten und pflegten. Zuversichtlich sei er, was das Neubauvorhaben für ein aramäisches Kirchenzentrum angeht. „Die Gespräche mit der Stadt sind konstruktiv und produktiv, und auch die mit der Nachbarschaft verlaufen hoffnungsvoll.“

Als abschließenden Höhepunkt und gemeinsames Zeichen entzündeten Abgesandte der Glaubensgemeinschaften eine Friedenskerze und verlasen bzw. rezitierten Friedensbotschaften. Gastgeber Dr. Alexander Berger betonte dabei, dass die Vielfalt Alltag sei in Ahlen. „Wir akzeptieren und respektieren einander im Bewusstsein der gemeinsamen Verantwortung für die Schöpfung.“

Die Friedensbotschaften des Bürgermeisters und der Glaubensgemeinschaften

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Foto: Die Ahlener Friedenskerze überreichte Dr. Alexander Berger an Werner Fischer. Sie erhält einen Platz im Interreligiösen Museum im Goldschmiedehaus.

Die Ahlener Friedenskerze überreichte Dr. Alexander Berger an Werner Fischer. Sie erhält einen Platz im Interreligiösen Museum im Goldschmiedehaus.


Foto: Markus Möhl (Mitte) moderierte das Podiumsgespräch, an dem teilnahmen: v.l. Sharon Fehr, Ilkay Danismaz, Dr. Alexander Berger, Willi Stroband, Dr. Atik Abraham, Martina Grebe.

Markus Möhl (Mitte) moderierte das Podiumsgespräch, an dem teilnahmen: v.l. Sharon Fehr, Ilkay Danismaz, Dr. Alexander Berger, Willi Stroband, Dr. Atik Abraham, Martina Grebe.


Foto: Entzünden der Friedenskerze

Entzünden der Friedenskerze


Foto: Ahlener Friedensbotschaft

Ahlener Friedensbotschaft