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Brief von Dr. Alexander Berger an die Bürgerinnen und Bürger

Liebe Bürgerinnen und Bürger, erinnern Sie sich noch an den Jahreswechsel? In der medialen „Saure-Gurken-Zeit“ erregte plötzlich ein satirischer Beitrag im WDR die Gemüter. Die Republik stritt über einen Kinderchor, der sang „Unsere Oma fährt im Hühnerstall Motorrad, unsere Oma ist `ne Umwelts….“ - na ja, Sie wissen schon. „Hat die Jugend den Respekt verloren?“ oder „Darf man so mit unseren Älteren umgehen?“ empörten sich Schlagzeilen in großen Lettern Anfang Januar.

Gestellt worden war aber auch die Frage, ob die Älteren den Planeten geplündert haben auf Kosten nachfolgender Generationen. Der „Kampf der Generationen“ war ausgerufen. Sogar der politisch rechte Rand fühlte sich aufgefordert einzugreifen, um die Einschränkung der Medienfreiheit zu fordern. Eine künstlich aufgeblasene Scheindiskussion, wie ich damals schon fand. Nach wenigen Tagen verflüchtigte sie sich dorthin, wo sie herkam: Ins Nichts.

Das alles ist heute erst drei Monate her. Viel ist passiert in jenen Wochen, die Welt geriet aus ihren für fest geglaubten Fugen. Auf den Kontinenten heißt es anstatt „immer schneller, immer besser“ allerorten nun „runterfahren, abwarten“. Die Völker verharren in Bereitschaft und verfolgen gespannt, wann sich die Infektionskurven endlich abflachen und gegen Null laufen. Währenddessen dürfen wir beobachten, wie in unserer Gesellschaft tatsächlich das Verhältnis der Generationen beschaffen ist. Ergreifende Beispiele erleben wir: Unterstützung zum Einkauf wird angeboten über unsere städtische Leitstelle „Älter werden in Ahlen“, Kinder malen für fremde Menschen in den Pflegeheimen Bilder als Botschaft „Wir denken an Euch!“ Meine Jungs haben ihren Großeltern im Chat erklärt, wie Videotelefonie über „WhatsApp“ funktioniert. Trotz angeratener Distanz verlieren wir uns damit in der Familie nicht aus den Augen. Solche Beispiele sind es, die uns drei Monate nach der albernen Diskussion zur Jahreswende zeigen, wie das Miteinander der Generationen wirklich aussieht.

Wir dürfen uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sehr wohl im Zusammenleben kritische Entwicklungen gibt. Menschen, die ohne Kontakte sind, drohen in Depressionen zu verfallen. Familien, die zu eng und zu lange aufeinandersitzen, entwickeln Spannungen, die sich schlimmstenfalls in häuslicher Gewalt entladen. Daran müssen wir denken, und dagegen müssen wir aktiv werden, weil die Krise noch nicht überwunden ist. Mit den freien Trägern in unserer Stadt habe ich am Freitag in einer Telefonkonferenz besprochen, welche (telefonischen) Kontakt- und Beratungsangebote wir schaffen werden, um der Einsamkeit zu begegnen. Denn wir Menschen sind soziale Wesen, wir brauchen den Austausch, wir sehnen uns nach Personen, die uns zuhören, unseren Rat brauchen und uns Bestätigung geben.

Vor allem dürfen uns Hoffnung und Zuversicht nicht verloren gehen. Wir sind eben noch nicht „über `m Berg“, wir stehen ganz am Anfang eines unbekannten Weges. Ob und welche Wirkung das Kontaktverbot haben wird, wissen wir frühestens in ein oder zwei Wochen abzuschätzen. Bis dahin gilt weiter: Zuhause bleiben und Disziplin üben. So schwer es auch fällt. Wir selber - jeder und jede Einzelne von uns - tragen mit unserer Einsicht und unserem Verhalten dazu bei, ob die Maßnahmen ausreichen und wann sie Wirkung zeigen.

Je länger das öffentliche Leben ruht, desto mehr wächst die Beunruhigung unter den Ahlener Gewerbetreibenden. Einzelunternehmer, Handwerker, Einzelhändler, Dienstleister und mittelständische Industrie erwirtschaften die Mittel, die unseren Wohlstand erzeugen. Sie sind das ökonomische Tragwerk unseres Gemeinwesens. Ich habe großes Verständnis für Ihre existenziellen Sorgen, liebe Geschäftsleute! Es bringt mich um den Schlaf, wenn ich an die Sorgen denke, die Firmenchefs und Solo-Unternehmer umtreiben. Bund und Land haben in nie gekannter Höhe quasi über Nacht unvorstellbare Milliardensummen mobilisiert, um die schlimmsten Krisenfolgen abzuwenden bzw. abzumildern. Für Klein- und Kleinstunternehmer läuft seit gestern das Antrags- und Auszahlungsverfahren des Landes NRW. Wir als Stadt Ahlen haben nicht die Mittel, um gigantische Rettungsschirme zu spannen. Doch im Rahmen unserer Möglichkeiten wollen wir Ihnen Hilfe geben, weswegen Herabsetzungsanträge zur Gewerbesteuer sehr großzügig behandelt werden. Über Mittel aus den Rettungsschirmen informiert die Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Stadt Ahlen (WFG). Insbesondere kleinere Unternehmen mit bis zu fünf Beschäftigten und selbständige Einzelunternehmer haben schon in vielen Fällen Kontakt gehabt mit unseren Wirtschaftsförderern.

Meinen Dank möchte ich heute auch an die heimische Politik richten. Es bewahrheitet sich wieder: Wenn es darauf ankommt, stehen wir Ahlener zusammen. Ungeachtet von Differenzen in Sachfragen, die in einer Demokratie zwingend dazu gehören, stehen CDU, SPD, Grüne, FWG, BMA, FDP, und die Linke Seit an Seit, um die Krise zu bewältigen. Entscheidungen fallen zügig und einstimmig, damit die Verwaltung handlungsfähig bleibt und den Menschen Erleichterungen gewährt werden können. Keine Profilierung, dafür Professionalität – so sieht verantwortungsvolles Krisenmanagement aus!

Die vergangene Woche war nicht einfach. Mit der Absage des Stadtfestes haben wir einen Kloß schlucken müssen, der allen, die an der Entscheidung beteiligt waren, sehr zu Herzen ging. Doch Feste kann man nachholen. Wenn alles vorbei ist, haben wir Grund zu feiern: Vielleicht sogar noch größer, lauter und bunter als gewohnt. Die Enttäuschung über abgesagte Veranstaltungen ist zu verschmerzen.

Wichtiger ist heute die Würdigung der unglaublichen Leistungen, die Sie, liebe Ahlenerinnen und Ahlener, zurzeit vollbringen: Als Kinderbetreuende, ob zuhause oder in Kitas und Schulen, als Postboten, die den Kontakt zur Außenwelt aufrechterhalten, als SB-Markt-Beschäftigte, die sich trotz gelegentlich ungehobelten Benehmens mancher „Kunden“ nicht beirren lassen, uns zu geben, was wir brauchen, als Unternehmer, die in Sorge sind um Beschäftigte und Zukunftsaussichten, als Kurzarbeitende, die abwarten müssen, dass die dunklen Wolken vorbeiziehen, als medizinisches und pflegerisches Personal, das sich trotz Mangel an Schutzausrüstung unentwegt um das Wohl der ihm Anvertrauten kümmert, als Bürgerinnen und Bürger, die über kulturelle Verschiedenheiten hinweg wissen: Diese Krise kriegt uns nicht klein!

Bitte bleiben Sie gesund und auf Abstand.

Ihr Bürgermeister
Dr. Alexander Berger

Foto: Dr. Alexander Berger

Dr. Alexander Berger