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Bürgermeister Berger zum 1. Mai: „Pandemie gibt unverstellt den Blick frei auf die soziale Ungleichheit in unserem Land“

Liebe Ahlenerinnen und Ahlener, verehrte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer! Der Tag der Arbeit steht in diesem Jahr unter dem Motto „Solidarität ist Zukunft“. Im Leitspruch steckt die Hoffnung darauf, dass Zusammenstehen den Weg ebnet zu guten Lebensverhältnissen für alle Menschen.

Damit greift der Deutsche Gewerkschaftsbund einen elementaren Gedanken auf: Noch nie haben in der Geschichte Egoismus und Klassendenken zu wirtschaftlichem Wohlergehen und gesellschaftlichen Fortschritt geführt. Hingegen verbesserten sich immer dann Lebensstandard und Arbeitsbedingungen breiter Massen, wenn sich die politischen und gesellschaftlichen Kräfte derselben Werte verpflichtet gefühlt haben. Im aktuellen Kampf gegen Corona täten wir gut daran, uns diese Erfahrung immer wieder aufs Neue in Erinnerung zu rufen. 

Solidarität hat seit Jahrhunderten ihre Gültigkeit im Ringen um ökonomische und soziale Entfaltung, sie verliert nichts an Bedeutung in schwierigen pandemischen Zeiten. Mit Fahnen geschmückte Umzüge und bunte Versammlungen zum 1. Mai gibt es heute keine. Gerne hätte ich unter den Fördergerüsten an der Zeche Westfalen zu Ihnen gesprochen. Doch das ist nach dem Verzicht im letzten Jahr auch in diesem nicht möglich. Wir stellen öffentliche Kundgebungen hintan, damit sich das Infektionsgeschehen nicht weiter verbreitet. Das ist gelebte Solidarität aus Verantwortung für Mitmenschen.               

Mich besorgt es, dass nicht überall und uneingeschränkt dieser gemeinschaftliche Geist herrscht. Solidarität sei kein Luxus, sondern Existenzbedingung des menschlichen Lebens und die politische Form der Nächstenliebe, sagte einst der Arbeits- und Sozialpolitiker Norbert Blüm so zutreffend. Wir erkennen jedoch, dass anhaltende Beschränkungen des Alltags Menschen zu zermürben drohen. Empathie und Rücksicht scheinen abzunehmen, die Feinde der Demokratie nutzen das Unbehagen schamlos aus. Ich sage ganz deutlich: Mit sogenannten Querdenkern und Querulanten wollen wir nichts zu tun haben. Wer mit alten und neuen Nazis gemeinsam auf die Straße geht, die Demokratie verächtlich macht und offen Gewalt ausübt, will nichts zum Guten verändern. Wer das tut, hat es auf unsere demokratische, freiheitliche Grundordnung abgesehen. Bilden wir also einen festen Riegel gegen alle Gegner, die unseren modernen Sozialstaat beschädigen wollen. Schützen wir das Werk, das auch Generationen von Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern über Jahrzehnte erkämpft haben.   

Sehr wohl nehmen wir aber diejenigen ernst, die sich um ihren Arbeitsplatz sorgen. Die nach Kurzarbeit oder Entlassung darum kämpfen, den Unterhalt für ihr Leben und ihre Lieben zu bestreiten. Sie tröstet nicht die Tatsache, dass die Wirtschaft unseres Landes im Vergleich zu anderen relativ unbeschadet durch die Krise kommt. Auch die kleinen Unternehmen und Soloselbstständigen brauchen Hilfe und Unterstützung. Nur wer den starken Arm des Sozialstaats in der Not spürt, erhält sein Vertrauen in die Demokratie. Es wird großer Anstrengungen bedürfen, nach überwundener Krise die Scherben aufzukehren.

Die Pandemie gibt unverstellt den Blick frei auf die soziale Ungleichheit in unserem Land. Ursachen für die Virusverbreitung sind sozialer Art, nicht kultureller. Dort, wo die Menschen in beengten Wohnverhältnissen leben, grassiert das Virus besonderes erfolgreich. Oftmals sind darunter kinderreiche Familien, in denen Vater und Mutter in Branchen tätig sind, die durch prekäre Arbeits- und Einkommensbedingungen auffallen. Mit den Fingern auf die Ärmsten unter uns zu zeigen, und diesen eine Mitschuld zu geben an hohen Infektionszahlen, ist zutiefst töricht und menschlich unanständig – es ist ein Ausdruck bemerkenswerter Entsolidarisierung. Zum 1. Mai muss der Auftrag an uns alle lauten, solche Verhältnisse aufzubrechen. Das gilt nicht nur für die Fleischindustrie, für Erntehelfer oder Paketzusteller. Unsere Anerkennung verdienen ebenso die Beschäftigten, die sich nicht im Homeoffice schützen können, sondern jeden Tag Warenregale auffüllen oder im Handwerk arbeiten, damit wir möglichst keine Annehmlichkeiten entbehren müssen.

Gesunde und auskömmliche Arbeitsbedingungen haben an allen Arbeitsplätzen zu herrschen. Hervorheben möchte ich die Berufe, in denen Menschen für Menschen da sind. In der Gedenkfeier für die Verstorbenen der Pandemie in Ahlen hörten wir vor zwei Wochen berührende Worte. Zu Herzen gingen die Berichte von Hinterbliebenen, die davon sprachen, wie liebevoll sich Pflegerinnen und Pfleger um ihre todkranken Angehörigen kümmerten. Die eigene Trauer über das Schicksal der anvertrauten Patienten, denen nicht geholfen werden konnte, nehmen Beschäftigte in Krankenhäusern und Heimen mit nach Hause. Die meisten von ihnen sagen trotz aller Defizite im Gesundheits- und Krankenhaussystem: Wir machen unsere Arbeit gerne. Es reicht indes nicht, nur Beifall zu klatschen. Guter Verdienst und zumutbare Arbeitsbedingungen gerade für Pflegerinnen und Pfleger dürfen nicht länger auf sich warten lassen.     

Das letzte Jahr hat gezeigt, dass Betriebsangehörige bereitwillig neue Arbeitszeitmodelle mittragen, um sich und ihre Kolleginnen und Kollegen zu schützen. Das Arbeiten in getrennten Teams oder im Homeoffice stellt Abläufe sicher, hält die Räder am Laufen. Ich danke allen, die sich auch dafür haupt- und ehrenamtlich in Betriebs- und Personalräten engagieren. Sie leisten einen solidarischen Beitrag, damit Beschäftigte und Unternehmen gut durch diese Zeit kommen.    

Auf ein Wiedersehen in 2022 unter den Fördergerüsten auf Zeche Westfalen. Glück Auf! 

Dr. Alexander Berger
Bürgermeister der Stadt Ahlen

Foto: Bürgermeister Dr. Alexander Berger zum 1. Mai

Bürgermeister Dr. Alexander Berger zum 1. Mai