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Das Jüdische als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft wahrnehmen

Einen Besuch des Jüdischen Gemeindezentrums und der Synagoge in Münster statteten jetzt die Angehörigen des Verwaltungsvorstandes der Stadt Ahlen ab. Die leitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung folgten einer Einladung des Ersten Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Sharon Fehr.

„Obwohl es seit 80 Jahren kein jüdisches Gemeindeleben mehr in Ahlen gibt, sind die Beziehungen zwischen der Stadt Ahlen und uns noch immer rege“, dankte Fehr Bürgermeister Dr. Alexander Berger bei der Begrüßung für den Besuch.

Gemeindemitglied Ruth Frankenthal, in Ahlen bekannte Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, führte die Gäste auf der anschließenden Synagogenführung in Riten des Judentums und Besonderheiten des jüdischen Gottesdienstes ein. Die Geschichte der früheren Ahlener Gemeinde beleuchtete dabei Manfred Kehr, der in der Stadtverwaltung u.a. für die städtische Erinnerungsarbeit mitverantwortlich ist. Für Bürgermeister Berger ist und bleibt es ein wichtiges Anliegen, „dass das Jüdische nicht nur zu bestimmten Anlässen Gegenstand der Erinnerung ist, sondern täglich als selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft wahrgenommen wird.“ Hetze gegen Juden, egal von welcher Seite und in welchen Medien, sei keine tolerierbare Meinung, sondern verachtenswert und von allen Demokraten entschieden zu bekämpfen. Er freue sich, dass Sharon Fehr und Ruth Frankenthal seine Einladung zum Neujahrsempfang der Stadt Ahlen am 17. Januar angenommen haben. Vertreter der Glaubensgemeinschaften, unter ihnen Münsters Weihbischof Dr. Stefan Zekorn, werden dann den interreligiösen Dialog in Ahlen würdigen.

Letzte bekannte Ahlener Bürgerin jüdischen Glaubens war Marga Spiegel, die Anfang der 1980er-Jahre nach dem Tod ihres Ehemannes „Menne“ von Ahlen nach Münster zog. Auf dem jüdischen Teil des Ahlener Westfriedhofes befinden sich heute die Gräber der Eheleute Spiegel, die die Nazi-Zeit mit ihrer Tochter Karin im Versteck bei münsterländischen Bauern überlebten. Die Einladung zum Besuch der Jüdischen Gemeinde sprach Sharon Fehr bereits im Frühjahr aus, als er in der Ostbredenstraße als langjähriger enger Wegbegleiter und Vertrauter Marga Spiegels Gastredner bei der Verlegung von Stolpersteinen für die Familie Spiegel war. Kontakt zu Ahlen sei auch viele Jahre über Imo Moszkowicz gepflegt worden, erinnerte der Vorsitzende an den früheren Ehrenbürger der Stadt Ahlen.

Die Jüdische Gemeinde Münster zählt heute über 600 Mitglieder, die ganz überwiegend in Münster und in Münsters Randgemeinden zuhause sind. „Der Zuzug von Juden aus Staaten der früheren Sowjetunion hat die Gemeinde vor eine gewaltige Kraftanstrengung gestellt“, berichtete Sharon Fehr seinen Gästen von der Integrationsarbeit, die in den letzten Jahren geleistet wurde. Heute zeichne sich wegen der zunehmenden antisemitischen Tendenzen ab, dass jüdische Menschen wieder stärker darüber nachdenken, Deutschland zu verlassen. „Der Antisemitismus ist nicht tot, das hat sich in den letzten Wochen und Monaten wieder erschreckend gezeigt.“ Wie fern jüdisches Leben auch heute noch von Normalität entfernt ist, erkannten die Verwaltungsmitarbeiter an der Polizeistreife, die rund um die Uhr vor dem Gemeindezentrum für Sicherheit sorgt.    

Foto: Wissenswertes über das Judentum vermittelte Ruth Frankenthal den Ahlener Gästen in der Synagoge, hier mit Texten aus der Tora.

Wissenswertes über das Judentum vermittelte Ruth Frankenthal den Ahlener Gästen in der Synagoge, hier mit Texten aus der Tora.


Foto: Die guten Beziehungen der Jüdischen Gemeinde zu Ahlen betonte Vorsitzender Sharon Fehr bei der Begrüßung des Bürgermeisters und seiner Mitarbeiter.

Die guten Beziehungen der Jüdischen Gemeinde zu Ahlen betonte Vorsitzender Sharon Fehr bei der Begrüßung des Bürgermeisters und seiner Mitarbeiter.


Foto: Grabstätte von Marga und Siegmund „Menne“ Spiegel auf dem Ahlener Westfriedhof.

Grabstätte von Marga und Siegmund „Menne“ Spiegel auf dem Ahlener Westfriedhof.