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Das Lager Trawniki und seine Funktion im NS-Lagersystem

Groß war die Verwunderung im Sommer, als auf diplomatische Initiative der Vereinigten Staaten ein früherer Aufseher des Nazi-Lagers Trawniki aus den USA nach Ahlen abgeschoben worden war. Die Entscheidung, an der weder die Stadt Ahlen noch der Kreis Warendorf beteiligt waren, stieß in der Öffentlichkeit allenthalben auf Ablehnung. Am 9. Januar verstarb 95-jährig Jakiw Palij in einer Ahlener Pflegeeinrichtung.

„Der Fall ist auf jeden Fall dazu geeignet, sich mit dem System der Nazi-Lager einmal genauer zu befassen“, sagt Manfred Kehr, der bei der Stadt Ahlen den Bereich der Erinnerungskultur betreut. Nachdem sich die Welle der Entrüstung gelegt hat, die die Verbringung des gebürtigen Ukrainers nach Ahlen auslöste, sei nun die Zeit der sachlichen Auseinandersetzung gekommen. „Das gilt auch für die Art, wie nach 1945 deutsche und internationale Justiz mit den am Völkermord beteiligten Tätern umgingen“, erinnert Kehr an die nur zögerliche und wenig effiziente Aburteilung von NS-Verbrechern.
 
Zur Erinnerung: Palij war während des Krieges in der Verwaltung des Zwangsarbeiterlagers Trawniki tätig. Ob er eigenen Angaben zufolge lediglich auf Straßen und Brücken patrouilliert hat oder an der Ermordung von Menschen beteiligt war, war zu seinen Lebzeiten nicht mehr zweifelsfrei zu ermitteln. Folglich wurden Ermittlungen der Justizbehörden eingestellt.

Eine Informationsveranstaltung der Stadt Ahlen will am Montag, 28. Januar, um 19 Uhr im Lesecafé der Stadtbücherei die Vorgänge der letzten Monate zum Anlass nehmen, um mit zwei Referenten die besondere Rolle des Lagers Trawniki sowie die juristische Aufarbeitung der von KZ-Lagerpersonal begangenen Verbrechen zu beleuchten.

Die Historikerin Dr. Angelika Censebrunn-Benz hat mit ihrem 2015 erschienenen Buch über die Rolle der „Trawniki-Männer“ im Holocaust viel Aufmerksamkeit erregt. Der frühere Bundestagsabgeordnete Winni Nachtwei unternimmt den Versuch, eine Bilanz der bisherigen Prozesse gegen KZ-Aufseher zu ziehen. Dabei wird dem Aufsehen erregenden Verfahren gegen den in Trawniki eingesetzten ehemaligen SS-Angehörigen John Demjanjuk (verurteilt 2012) eine besondere Bedeutung zuteil.

Bürgermeister Dr. Alexander Berger hält die Aufklärung über das verübte NS-Unrecht auch weiterhin für zwingend notwendig. „Erst recht in Zeiten, in denen Extremisten zunehmend die in deutscher Verantwortung begangenen Verbrechen verharmlosen oder zu relativieren versuchen.“ Die Stadt Ahlen stelle sich ihrer Verantwortung zur Erinnerung, um den Opfern des Rassenwahns ein Stück ihrer Würde zurückzugeben. So seien im Kühl Stolpersteine zum Gedenken an die nach Majdanek verschleppten Jenny und Albert Metzger verlegt worden. Die Spuren der früheren jüdischen Bürger aus Ahlen haben sich im dortigen Konzentrationslager, zu dem die Außenstelle Trawniki gehörte, verloren.       

In der Stadtbücherei Ahlen findet am 28. Januar eine Veranstaltung statt, die das Lager Trawniki und seine Funktion im NS-Lagersystem betrachtet.

Foto: In der Stadtbücherei Ahlen findet am 28. Januar eine Veranstaltung statt, die das Lager Trawniki und seine Funktion im NS-Lagersystem betrachtet.


Foto: Stolpersteine erinnern im Ahlener Straßenpflaster an Jenny und Albert Metzger (mittlere Reihe).

Stolpersteine erinnern im Ahlener Straßenpflaster an Jenny und Albert Metzger (mittlere Reihe).