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Hermann Wenning: Eine fesselnde Lebensgeschichte

„Nirgendwo ist die Doppelmoral so weit verbreitet, wie beim Umgang mit Alkohol. Werden trinkfeste Mitmenschen meist hoch geachtet, so werden gescheiterte Alkoholiker umso mehr verachtet“, mit dieser lebensnahen Feststellung leitete Hermann Wenning seine Lesung in der Familienbildungsstätte im Rahmen des vergangenen Seniorenstammtisches Ahlen Nord ein.

Mit höchster Aufmerksamkeit folgten die rund 30 Interessierten der anschaulich, oft drastisch aber ohne Effekthascherei geschilderten Lebensgeschichte von Hermann Wenning, von seiner „Versoffenen Jugend“ hin zum „Lauf zurück ins Leben“.

Vom Vereinssport mit obligatorischer „Kiste Bier danach“ bis hin zum „Alkohol zur Stress- und Problembewältigung und schließlich kompletten Kontrollverlust, sei es nur ein schmaler Grat, warnte der Autor. Viele Jahre lang befand er sich auf einer unaufhaltsamen Talfahrt, in der scheinbar ausweglosen Spirale aus Drogensucht und Beschaffungskriminalität. Nach jahrelangem Alkoholmissbrauch kamen irgendwann andere Drogen hinzu, Ecstasy und Amphetamine, dann Heroin. Immer auf der Jagd nach dem nächsten „Kick“, einer kurzfristigen Steigerung des Selbstbewusstseins, begleitet von ständiger Selbsttäuschung Versteckspielen im Alltag.

Schließlich verlor Wenning seinen Job, seine Wohnung, seine Freundin, lebte ohne festen Wohnsitz in Hamburg und saß dreimal im Gefängnis.

Allen Widerständen trotzend, brachte ein Brief seines kleinen Bruders im Gefängnis schließlich die Wende. Dieser enthielt einen Zeitungsartikel, der den Drogensüchtigen daran erinnerte, zu was er als ambitionierter Sportler in seiner Jugend in der Lage war: Dreimal hatte er den dortigen Volkslauf in seinem Heimatort Legden gewonnen und hielt damit immer noch den Rekord. „Ich war total gerührt, und auf einmal war sie wieder da, die Motivation, regelmäßig zu trainieren“, berichtet Hermann Wenning. Ein Gefängniswärter ermöglichte ihm überraschenderweise die Teilnahme an einem Volkslauf. Gestärkt durch das ihm entgegengebrachte Vertrauen, gewann Hermann neues Selbstvertrauen und innere Stärke. Um jedoch wieder clean zu werden, musste er das Gefängnis und die damit paradoxerweise verbundenen ständige Verfügbarkeit von Drogen, verlassen. Nach Beantragung einer Therapie erhielt er nach zwei Jahren Aufenthalt im Gefängnis einen Platz in einer Drogenentzugs-Einrichtung. Nach achtmonatiger Therapie gewann er dann den Legdener Volkslauf zum vierten Mal.

Heute ist der Ex-Junkie vollkommen clean, raucht und trinkt nicht. Eine kaum vorstellbare Geschichte, die dem Publikum sichtlich Respekt abnötigte.

Mit seiner Lebensgeschichte repräsentiert Wenning einen der höchstens 20 % Suchterkrankten, die es überhaupt schaffen, wieder langfristig clean zu werden. Auf die Frage, welchen Tipp er Angehörigen im Umgang mit Drogensüchtigen geben könnte, folgte eine kurze Denkpause, bis zur ernüchternden Feststellung: „Eigentlich hilft nur Akzeptanz. Ein Süchtiger lässt sich nie zu etwas bewegen, wozu er innerlich nicht bereit ist.“

Bis heute ist Hermann Wenning seiner Familie dafür dankbar, dass sie ihn trotz des langen Leidenswegs nicht fallen gelassen haben.

Foto: Hermann Wenning bei seiner Lesung in der FBS Ahlen

Hermann Wenning bei seiner Lesung in der FBS Ahlen


Foto: Hermann Wenning bei seiner Lesung in der FBS Ahlen