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Nicht wegsehen bei antisemitisch motiviertem Unrecht

Mit einer Stolpersteinverlegung hat die Stadt Ahlen am Dienstag dem Schicksal ihrer früheren jüdischen Bürgerin Marga Spiegel gedacht. Der Künstler Gunter Demnig verlegte an der Ostbredenstraße 41 Steine für Marga Spiegel, ihren Ehemann Siegmund sowie Tochter Karin und Vater Siegmund Rothschild. Alle vier hatten hier ihre letzte Ahlener Wohnung.

Marga Spiegel überlebte mit Ehemann und Tochter die Nazi-Zeit, weil sie von mutigen Bauernfamilien im Münsterland versteckt worden waren.

In seiner Ansprache erinnerte Bürgermeister Dr. Alexander Berger an die erste Stolpersteinverlegung in Ahlen exakt zehn Jahre zuvor. „Mit der Entscheidung, auch in Ahlen Stolpersteine zu verlegen, hat die Stadt ein Kapitel der Erinnerungskultur aufgeschlagen, das den Ermordeten und Überlebenden der Nazi-Diktatur ein Stück der ihnen geraubten Würde zurückgibt“, so Berger. In acht Verlegerunden seien 104 Stolpersteine „als unübersehbares Zeichen der verantwortungsvollen Erinnerungskultur im Ahlener Straßenpflaster“ versenkt worden.

Berger würdigte Marga Spiegel als Frau, die sich nach den Schrecken der NS-Diktatur für die Aussöhnung zwischen Juden und Nicht-Juden eingesetzt habe. „In Schulen hielt sie bis ins hohe Alter Vorträge, war gern gesehener Gast in Ahlen“. Marga Spiegel blieb bis zum Tod ihres Mannes 1982 in der Ahlen, ehe es sie nach Münster zog. Vor vier Jahren verstarb sie im biblischen Alter von 101 Jahren. Begraben ist Marga Spiegel an der Seite ihres Ehemannes auf dem jüdischen Teil des Ahlener Westfriedhofes.

Als Gast der Stolpersteinverlegung begrüßte Berger den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Münster, Sharon Fehr, der als enger Wegbegleiter und Freund Marga Spiegel bis in ihre letzten Stunden umsorgt und betreut hatte.

Was Ausgrenzung und Diskriminierung heute bedeuten, habe Fehr erst kürzlich ertragen müssen, als ihm ein Münsteraner Ratsherr vorwarf, als Jude Deutschland zu verachten. Berger versicherte dem Vorsitzenden „im Namen aller Anwesenden und auch im Namen der Stadt Ahlen unsere Solidarität.“ In Ahlen sei kein Platz für religiöse Ausgrenzung: „Anders als damals wollen wir heute nicht mehr wegschauen, wenn antisemitisch motiviertes Unrecht in unserem Umfeld geschieht.“

Sharon Fehr ermutigte die Anwesenden zu Zivilcourage, die immer möglich sei. Es brauche keinen Mut, um gegen antisemitische Hetze und Vorurteile das Wort zu erheben, zitierte er Marga Spiegel. Mit 101 Jahren und sechs Monaten habe sie als Lehren aus der Geschichte gemahnt: „Zieht nie einen Schlussstrich unter die Vergangenheit, nicht, um an die Vergangenheit zu fesseln, sondern aus ihr zu lernen von Generation zu Generation.“

Umrahmt wurde die Verlegung von Schülerinnen und Schülern eines Geschichts-Leistungskurses am Gymnasium St. Michael. Sie zitierten aus Spiegels Erinnerungen und lasen vor aus Deportationsbefehlen der NS-Verwaltung. Im Anschluss an die Veranstaltung in der Ostbredenstraße, der zahlreiche Schülerinnen und Schüler, Bürger und Ratsmitglieder beiwohnten, sind an fünf weiteren Stellen im Stadtgebiet Steine verlegt worden, die an überlebende Ahlener Jüdinnen und Juden die Erinnerung wachhalten sollen:  

Übersicht aller Steine:

Ostbredenstr. 41
HIER WOHNTE
MARGA SPIEGEL
GEB. ROTHSCHILD
JG. 1912
UNFREIWILLIG VERZOGEN
1943 HERBERN
VERSTECKT ÜBERLEBT

HIER WOHNTE
SIEGMUND SPIEGEL
JG. 1899
UNFREIWILLIG VERZOGEN
1943 WERNE
VERSTECKT ÜBERLEBT

HIER WOHNTE
KARIN SPIEGEL
JG. 1938
UNFREIWILLIG VERZOGEN
1943 HERBERN
VERSTECKT ÜBERLEBT

(hierhin auch Verlagerung des Steins von Vater Siegmund Rothschild, bisher Im Kühl 21)

Auf dem Handkamp 4   - Nachverlegung -
HIER WOHNTE
FAJGLA „FANNY“
OBARZANSKI
JG. 1916
FLUCHT 1940
PALÄSTINA

HIER WOHNTE
ZYSLA „SONJA“
OBARZANSKI
JG. 1918
FLUCHT 1936
PALÄSTINA

HIER WOHNTE
LIBA „LILLY“
LOEWY
GEB. OBARZANSKI
JG. 1923
FLUCHT 1939
PALÄSTINA

Gerichtsstr. 15
HIER WOHNTE
GRETE UNTIEDT
GEB. ROSENBERG
JG. 1898
VERHAFTET 1944
ZWANGSARBEIT KASSEL
GEFLOHEN MÄRZ 1945
ASCHEBERG
MIT HILFE ÜBERLEBT

Gerichtsstr. 22  - Nachverlegung -
HIER WOHNTE
HANS SÄNGER
CHANAN SHIRUN
JG. 1914
FLUCHT 1935
PALÄSTINA

Südstr. 28  - Nachverlegung -
HIER WOHNTE
SELMA METZGER
GEB. SPIEGEL
JG. 1894
DEPORTIERT 1941
RIGA
STUTTHOF
BEFREIT

Westenmauer 10  - Nachverlegung -
HIER WOHNTE
HERBERT TINT
JG. 1924
FLUCHT 1939  
ENGLAND

Foto: Dr. Alexander Berger (r.) und Sharon Fehr erinnerten an Marga Spiegel.

Dr. Alexander Berger (r.) und Sharon Fehr erinnerten an Marga Spiegel.


Foto: Gut besucht war die Veranstaltung in der Ostbredenstraße.

Gut besucht war die Veranstaltung in der Ostbredenstraße.


Foto: Vier Steine erinnern an die Familie Spiegel.

Vier Steine erinnern an die Familie Spiegel.


Foto: Künstler Gunter Demnig, auf dessen Initiative das europaweite Stolpersteinprojekt zurückgeht.

Künstler Gunter Demnig, auf dessen Initiative das europaweite Stolpersteinprojekt zurückgeht.


Foto: Verlegung auch an der Gerichtsstraße, hier beim Stein für Chanan Shirun (Hans Sänger): Es hilft Dirk Schumacher von den Ahlener Umweltbetrieben.

Verlegung auch an der Gerichtsstraße, hier beim Stein für Chanan Shirun (Hans Sänger): Es hilft Dirk Schumacher von den Ahlener Umweltbetrieben.