Zum Hauptinhalt springen

Stolpersteine mahnen zur Wachsamkeit vor bösen Geistern

Sechzehn weitere sog. Stolpersteine hat der Künstler Gunter Demnig am Dienstag in das Ahlener Straßenpflaster gelegt. Damit ist in den letzten zwölf Jahren die Zahl der Erinnerungssteine in der Wersestadt auf 140 angewachsen. Die mit einer Messingabdeckung und den Lebensdaten versehenen Steine erinnern an Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Im Mittelpunkt der zehnten Runde standen Ahlener Bürger, die zwischen 1933 und 1945 politisch verfolgt worden sind. Stolpersteine befinden sich nun unter anderem an der Galileistraße 11, der letzten frei gewählten Wohnung des KPD-Funktionärs Josef Ledwohn, sowie an der Oststraße 52. Hier lebte der jüdische Widerstandskämpfer Karl Rosenberg. Beide wurden im KZ Esterwegen inhaftiert und überlebten die Nazi-Zeit.

Die Gedenkfeier in der Galileistraße eröffnete Manfred Kehr mit dem Lied von den Moorsoldaten. Schülerinnen und Schüler der Fritz-Winter-Gesamtschule und des Gymnasiums St. Michael erinnerten an Schicksale politisch Verfolgter, unter anderem an die Ahlener August Kirchner und Selma Englisch. Aber auch das Leid drangsalierter Sozialdemokraten und Pazifisten riefen die Schulvertreterinnen in Erinnerung. Stellvertretende Bürgermeisterin Rita Pöppinghaus-Voss griff in ihrer Ansprache die Worte von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf, die dieser aus Anlass des 75. Jahrestages der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vaschem wählte. Das Staatsoberhaupt warnte vor den bösen Geistern, die sich heute in neuem Gewand zeigten. Heute, so Pöppinghaus-Voss, liefen die bösen Geister „nicht mehr als Horden braun Uniformierter stiefelkrachend durch die Städte, um ihren Terror zu verbreiten.“ Vielmehr säßen sie „in den Parlamenten, nicht als brauner Block, sondern im scheinheiligen Gewand der Bürgerlichkeit.“ Die bösen Geister seien nie wirklich fort gewesen. Schlimm sei es, dass ihnen von vielen nur teilnahmslose Gleichgültigkeit entgegengesetzt werde.

Laut einer aktuellen dimap-Umfrage wünschten sich 37 Prozent aller Deutschen einen Schlussstrich unter die Nazivergangenheit. „Diesen Gefallen werden wir ihnen aber nicht tun“, fuhr Pöppinghaus-Voss fort. Die in deutschem Namen begangene Schande bleibe in Erinnerung, „als Mahnung an unsere Verantwortung, die bösen Geister auch in neuem Gewand zu erkennen und zu bekämpfen.“ Kommunisten wie Ledwohn haben zu den ersten Opfern der Nazi-Barbarei gezählt. „Gewiss waren auch sie keine Verteidiger der Weimarer Demokratie. Doch nichts gab den Machthabern das Recht, willkürlich Kommunisten einzusperren und zu töten“, sagte Ahlens stellvertretende Bürgermeisterin. Menschen mit ihren Träumen, Sehnsüchten, Stärken und Schwächen verdienten immer Respekt, auch wenn sie keine Befürworter einer freiheitlichen Demokratie in unserem Sinne waren.

Pöppinghaus-Voss bedauerte, dass zu oft die Stimmen der Solidarität stumm blieben, wenn Menschen für Bürgerrechte auf die Straße gehen und Polizeigewalt zu fürchten haben. „Unsere Geschichte sollte uns mahnen, lauter auf Unrecht zu reagieren, wenn Menschen verfolgt werden, nur weil sie die Freiheiten herbeisehen, an die wir uns als gottgegeben gewöhnt haben.“ Dass Demokratie jeden Tag aufs Neue zu erkämpfen ist, daran sollten die Stolpersteine erinnern. Am 29. Dezember hat Gunter Demnig in Memmingen den 75.000 Stolperstein verlegt. „Pikanterweise vor dem Haus des örtlichen AfD-Vorsitzenden“, wie Manfred Kehr abschließend erwähnte.     

Hintergrund:

Bis zu seiner Verschleppung ins KZ Esterwegen lebte an der Galileistraße 11 der frühere KPD-Funktionär Josef Ledwohn. Der Elektromonteur und Schachtbauer verbrachte wegen seiner Beteiligung am antifaschistischen Widerstand mehrere Jahre in Haft. Bis zur Machtübernahme der Nazis organisierte er in mit anderen die Arbeit der KPD im Ruhrgebiet. Auch nach Ende der NS-Zeit blieb er politisch aktiv und gehörte zwei Wahlzeiten dem NRW-Landtag an, ehe er 1954 erneut verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt wurde. Nach Haftzeit und Verbot seiner Partei durch das Bundesverfassungsgericht siedelte er nach Ost-Berlin um. In der jungen DDR bekleidete er Funktionen im Staat und in der SED. Ledwohn verstarb 95-jährig im Jahre 2003.

Der Ahlener Jude Karl Rosenberg wohnte zuletzt in der Oststraße 52. Er floh über die Niederlande nach Frankreich, wo er unter dem Namen ‚Carlos‘ in der Résistance die Nazis bekämpfte und seinen Lebensabend bis 1986 in Spanien verbrachte. Das Städtische Gymnasium übernimmt die Patenschaft für den Stolperstein in Erinnerung an seinen früheren Schüler.

Foto: Gunter Demnig mit Schülerinnen und Schülern der Fritz-Winter-Gesamtschule und des Gymnasiums St. Michael vor dem Haus Galileistraße 11. Hier lebte Josef Ledwohn. Rechts: Stellv. Bürgermeisterin Rita Pöppinghaus-Voss.

Gunter Demnig mit Schülerinnen und Schülern der Fritz-Winter-Gesamtschule und des Gymnasiums St. Michael vor dem Haus Galileistraße 11. Hier lebte Josef Ledwohn. Rechts: Stellv. Bürgermeisterin Rita Pöppinghaus-Voss.


Foto: Stolperstein für Josef Ledwohn.

Stolperstein für Josef Ledwohn.


Foto: Manfred Kehr sang das Lied von den Moorsoldaten, das im KZ Esterwegen entstanden ist. Dort waren Ledwohn und Karl Rosenberg inhaftiert.

Manfred Kehr sang das Lied von den Moorsoldaten, das im KZ Esterwegen entstanden ist. Dort waren Ledwohn und Karl Rosenberg inhaftiert.


Foto: Unter öffentlicher Beteiligung fand die Stolperstein-Verlegung statt.

Unter öffentlicher Beteiligung fand die Stolperstein-Verlegung statt.


Foto: Gunter Demnig bei der Arbeit.

Gunter Demnig bei der Arbeit.