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Woche für das Leben – Opfer der Euthanasie kamen auch aus Ahlen

Mindestens 28 Menschen aus Ahlen, die in der Diktion der Nazis als lebensunwert galten, wurden in die Tötungsanstalten des sogenannten „Dritten Reichs“ eingeliefert. 25 von ihnen kamen dabei ums Leben. Die Geschichte dieser Mordopfer galt in Ahlen bislang als kaum bekannt.

Im letzten Jahr zeigte eine Ausstellung im St.-Franziskus-Hospital die Verstrickungen von Kinderärzten in das „Euthanasie-Programm“ der Nazis.

Recherchen in den Archiven des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe brachten den städtischen Mitarbeiter Manfred Kehr nun auf die Spur des von ihnen erlittenen Leids und Unrechts. Ausgelöst hatte die Nachforschungen eine E-Mail, die Bürgermeister Dr. Alexander Berger im Februar von Michaela Wiese erhielt.

Die in Rottenburg am Neckar lebende Nachfahrin schilderte darin das Schicksal ihres Großvaters Klemens Wiese. Der 1885 in Ahlen geborene Fabrikarbeiter Klemens Wiese lebte zuletzt auf der Rottmannstraße. Nach einem Suizidversuch war er 1943 in die Provinzialheilanstalt Gütersloh, das heutige LWL-Klinikum für Psychiatrie, eingeliefert worden. Mehr als eintausend Patientinnen und Patienten wurden Opfer der von dort erfolgten sogenannten Euthanasie-Verlegungen, unter ihnen Klemens Wiese. Sein Leidensweg führte von Gütersloh in die Gauheilanstalt Tiegenhof bei Gnesen/Posen, in der über 3500 Menschen durch Vergasung, Medikamente, Hunger, Kälte und katastrophale hygienische Verhältnisse den Tod fanden.

In den LWL-Archivakten stieß Manfred Kehr auch auf Klemens Wiese. Dem Todesdatum 21. Juli 1944 waren lediglich hinzugefügt die Bemerkungen „vollkommene Erschöpfung des Körpers“ und „präsimbile [gemeint: präsenile] Geistesstörung“. Was den Historiker bei seinen Recherchen überraschte, war die große Anzahl an Namen, die auf Ahlen als letzten Wohnort hinweisen. „Hierüber lagen uns bisher keine Erkenntnisse vor“, hält Kehr es für angemessen und erforderlich, von einem vollkommen neuen Kapitel in der Ahlener Erinnerungskultur zu sprechen. Dem Wunsch von Michaela Wiese, für ihren Großvater an seiner letzten bekannten Wohnanschrift einen „Stolperstein“ verlegen zu lassen, möchte die Stadt Ahlen gern entsprechen. Er soll das ehrende Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung bewahren.

Dass die Auseinandersetzung mit dem Thema Euthanasie in der Nachkriegszeit zu lange ausgeblendet worden war, zeigte im letzten Jahr eine Ausstellung im Ahlener Krankenhaus. „Es waren die Kinder, Frauen und Männer, die am meisten des Schutzes und der Fürsorge durch Staat und Gesellschaft bedurften: Geistig und emotional Behinderte, körperlich schwer Gebrechliche, Hilflose“, erinnerte Bürgermeister Dr. Alexander Berger am 2. März 2017 im Foyer des St.-Franziskus-Hospitals bei der Eröffnung der Ausstellung „Im Gedenken der Kinder. Die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit“. „Das Grundgesetz garantiere als Lehre aus den Verbrechen der Nazizeit allen Menschen ungeachtet ihrer Rasse, ihres Geschlechts und ihrer gesundheitlichen Verfassung die unantastbare Würde“, fuhr Berger fort. Daraus folge als Ausdruck unseres humanen Selbstverständnisses heute die Pflicht, allen Menschen die volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

So wie die Erinnerung an Klemens Wiese nicht verblassen darf, so soll auch an das Schicksal der 24 weiteren Menschen aus Ahlen dauerhaft erinnert werden, die der NS-Rassenhygiene zum Opfer fielen. Im Rahmen der „Woche für das Leben“, die vom 14. bis 21. April in Ahlen begangen wird, bittet die Stadt Ahlen nun um Mithilfe bei der Recherche nach den letzten Wohnanschriften der Verstorbenen. Hinweise hierauf nimmt Manfred Kehr entgegen unter Tel. 02382 59567 (kehrm@stadt.ahlen.de).

Die letzten Wohnanschriften folgender Bürgerinnen und Bürger werden gesucht:

Braun, Wilhelmine, *21.10.1873
Brockmann, Josefine, *06.10.1874       
Bussmann, Heinrich, *04.01.1904
Deter, Karl, *26.01.1906    
Dyba, Jan, *03.04.1906              
Grosik, Maria, *01.07.1909         
Hagemann, Josef, *18.05.1909    
Hegselmann, Maria, *24.05.1891
Heimann, Bernhardine, *05.03.1887            
Heumann, Anton, *23.01.1876            
Hoppenheidt, Emil, *04.01.1900  
Kappenberg, Anna, *03.04.1898
Marquardt, Georg, *01.07.1928
Mersch, Wilhelm, *21.04.1872
Pape, Elisabeth, *06.02.1865
Peiler, Maria, *11.01.1914  
Prechtl, Lydia (Hilde?), *02.02.1915             
Quante, Theodor, 03.09.1903
Schulte, Otto, *  05.02.1910
Selbach, Heinrich, *08.09.1925           
Simson, Johann, *25.07.1920              
Steinchen(?), Johanna, *25.07.1922     
Wiedehage, Grete, *15.02.1913
Wlodarczyk (?), Josef, *18.08.1915