Ansprache auf dem Ostfriedhof am 9. Mai 2016 zum Gedenken an das Kriegsende 1945

Foto: Dr. Alexander Berger bei seiner Rede auf dem Ostfriedhof
Dr. Alexander Berger bei seiner Rede auf dem Ostfriedhof

Sehr verehrter Herr Legant,
liebe Schülerinnen und Schüler,
meine Damen und Herren,

die Erinnerung an das Kriegsende vor 71 Jahren erfüllt uns an diesem Ort mit Gefühlen von Scham und Demut. In die verständliche Freude und Erlösung, die die Menschen am 8. Mai 1945 gefühlt haben, als sie die Nachricht vom Schweigen der Waffen an allen Fronten hörten, mischt sich auch heute noch Beklemmung und Trauer. Sie gilt ganz besonders jenen, denen in deutschem Namen Hab und Gut sowie Leib und Leben genommen worden war.

Mit dem Ende der Kampfhandlungen und der Zerschlagung des Nazi-Regimes schlug in jenen Frühlingstagen in Deutschland die sogenannte „Stunde null“. Vergangenes war schnell vergessen. Schuld und Verstrickung wurden wie die Trümmer der Städte an die Seite geräumt, um dem Wiederaufbau Platz zu machen. Wie wir aus vielen Erzählungen von Zeitzeugen wissen, haben es damals die meisten Menschen tatsächlich so empfunden. Auch noch viele Jahrzehnte später war in breiten Schichten der Gesellschaft - als sei sie eine historisch verbürgte Tatsache - von der „Stunde null“ die Rede.

Wenn wir uns mit heutigen Erkenntnissen und Einsichten dem Thema Krieg, Verfolgung und Ausbeutung nähern, dann wissen wir es besser: Diese „Stunde null“ hat es nie gegeben.

Es konnte sie gar nicht geben. Sie war ein der Not entsprungenes Phantom, eine Selbsttäuschung. Die Erfindung dieses Narratives sollte einen moralisch unbelasteten Neuanfang suggerieren. Zu verlockend muss die Versuchung auf die Menschen jener Zeit gewirkt haben, Verantwortung ungehindert abzustreifen, wo sie nach zwölf Jahren Nazi-Barbarei dringend hätte übernommen werden müssen: Die Verantwortung für das Handeln, für das Weg-Schauen und für das Nicht-Wissen-Wollen. Die Zeit dazu mag für die meisten Deutschen in jenem Frühjahr 1945 noch nicht reif gewesen sein.

Aus unserer heutigen Warte neigen wir vorschnell dazu, diese Haltung in moralischen Kategorien zu bewerten. Ich meine, dass wir damit sehr vorsichtig sein müssen. In vielen Fällen wird für diese Haltung nicht die bewusste Ignoranz bestimmend gewesen sein, das Leid der Anderen nicht sehen zu wollen. Vielmehr verbarg sich dahinter ein Selbstschutz, nur nach vorne zu blicken und dabei auszublenden, welchen Verlust und Schmerz Millionen anderer Menschen während der Kriegsjahre durch deutsche Hände erlitten hatten. Die eigenen Sorgen waren zu groß und unfassbar, um am Schicksal Dritter wirklich aufrichtig teilhaben zu können.

Da waren etwa die Kriegerwitwen mit ihren aufwachsenden Kindern, die ausgebombt in Behelfswohnungen und Baracken untergebracht waren. Oder die Flüchtlinge aus den Ost-Gebieten, die ihre Heimat und ihren Besitz unter oftmals inhumanen Bedingungen von heute auf morgen aufgeben mussten und nie wieder sehen sollten.

Sie alle hatten in diesen Tagen menschlich nachvollziehbare Gründe, die sie vorrangig an eine bessere Zukunft denken ließen.  Der persönlich erfahrene Schrecken und die an Entbehrungen reichen letzten Jahre fanden Verdrängung. Für das Leid anderer war nur wenig Platz. Wie gelegen kam da die Vorstellung von einer „Stunde null“, die wie eine Reset-Taste an einem elektronischen Gerät alles wieder auf Anfang stellen konnte.

Mit dem Vergangenen einfach abschließen konnten die bis zu sieben Millionen Zwangsarbeiter, die in Deutschland als Fronknechte die Kriegsmaschinerie am Laufen halten mussten, nicht. Für sie gab es keine „Null-Stunde“. Ihr Leid setzte sich fort.

Zwischen 1942 und 1945 haben nach Schätzungen in Ahlen etwa 2000 Zwangsarbeiter unter unwürdigen Bedingungen gelebt und geschuftet. Die meisten von ihnen kamen aus der früheren Sowjetunion. Als sogenannte „displaced persons“ blieben sie nach der Befreiung zunächst sich selbst überlassen.

Abgemagert, geschunden und oft nur in den Fetzen gekleidet, die sie am Leibe trugen, versuchten die Befreiten ihr Menschsein wiederzufinden und das Überleben zu sichern. Bis ein durchorganisiertes Auffangsystem stand, brauchte es noch Wochen.

Die Angst um ihre Familien daheim, wurde auch mit dem offiziellen Kriegsende nicht geringer. Wie quälend müssen die Ängste vor der Rückkehr in die Sowjetunion gewesen sein, wo ein misstrauischer Diktator Heimkehrer mitunter der Kollaboration mit dem Feind verdächtigte. Für diese Frauen, Männer und Jugendlichen waren die Folgen von Krieg und Verschleppung noch lange nicht ausgestanden.  

Liebe Anwesenden,
hier am Grab der sowjetischen Zwangsarbeiter gedenken wir heute aller Menschen, die den Schrecken des Zweiten Weltkrieges in Europa und der ganzen Welt zum Opfer fielen.

Wir bekennen uns zu den Werten der Völkerverständigung und verpflichten uns zum friedlichen Miteinander der Nationen. Dies umso mehr, als in Europa 25 Jahre nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ wieder Zäune hochgezogen und neue Barrieren errichtet werden.

Lassen wir das Vergessen nicht zu! Ich bin unseren weiterführenden Schulen mit ihrer aktiven Erinnerungskultur dankbar, dass sie seit Jahren mit großem Engagement das Unrecht der Vergangenheit beleuchten, um notwendige Lehren für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen.

Wir müssen immer wieder aufs Neue daran erinnern: Die Geschichte kennt keine „Stunde null“. Von ihr ist es nicht weit bis zum berüchtigten Schlussstrich, den Geschichtsvergessene allzu gerne und immer wieder ziehen wollen.

Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit.

Abschluss auf dem Marktplatz

Liebe Schülerinnen und Schüler,

„Erinnern heißt Handeln“, unter diesem Geleitwort steht der heutige Tag. Wir haben vorhin auf dem Ostfriedhof und auf dem Weg zum Marktplatz erfahren dürfen, wie unvermeidlich die Erinnerung an das Unrecht ist, welches im deutschen Namen begangen wurde. Wir tragen als das Volk der Täter eine besondere Verantwortung dafür, dass sich nie wieder Ausgrenzung und Fremdenhass bei uns in Ahlen Bahn brechen.

Die Erinnerung fordert uns auf zu handeln:
- Zeigt allen Dummköpfen die rote Karte, die glauben, Deutschsein sei das bessere Menschsein,
- Stellt Euch an die Seite derer, die vor Krieg und Verfolgung bei uns Zuflucht suchen,
- Fallt denen ins Wort, die im Privaten „nur mal so aus Spaß“ geschmacklose Witze machen über Ausländer, Juden, Moslems und Behinderte,   
- Engagiert Euch als Demokraten: In der Schülervertretung, in den Jugendverbänden der demokratischen Parteien, in den Kirchen und Vereinen.

Demokratie will jeden Tag neu erkämpft werden. Sie ist ein Geschenk, das wir behüten und entwickeln müssen.

Engagiert Euch deswegen und lasst Euch nicht belächeln von solchen, die lieber die Hände in den Schoß legen und das Leben teilnahmslos an sich vorbeiziehen lassen.  
Zum Abschluss möchte ich denen danken, die diesen eindrucksvollen Vormittag vorbereitet und gestaltet haben:

Den Schülerinnen und Schülern für ihre Beiträge, dem Arbeitskreis weiterführender Schulen - ganz besonders Herrn Legant und Herrn Hecht -, dem Jugendamt der Stadt Ahlen und unserer Volkshochschule. Sie alle wirken seit Jahren kreativ zusammen, um diesem Tag seinen würdevollen Rahmen zu geben. Dafür noch einmal meinen herzlichen Dank!