Ansprache zum Auflösungsappell des Sanitätsregiments 22 „Westfalen“ am 17. Mai 2016 auf dem Marktplatz

Foto: Dr. Alexander Berger bei seiner Rede am 17. Mai 2016
Dr. Alexander Berger bei seiner Rede am 17. Mai 2016

Sehr geehrter Herr Generalarzt Dr. Baumgärtner,
Sehr geehrter Herr Oberstarzt Stoffregen,
meine verehrten Damen und Herren,
Soldatinnen und Soldaten!

Heute geht für das militärische Sanitätswesen in Ahlen eine Ära ihrem Ende entgegen. Es erfüllt mich mit Stolz und Freude, dass Sie meine Einladung angenommen haben, den Auflösungsappell auf unserem historischen Marktplatz durchzuführen. Sie stellen damit unter Beweis, dass sich die Sanitäter unserer Stadt und unserem Gemeinwesen stets verbunden und zugehörig gefühlt haben. Mir war und ist es ein wichtiges Anliegen, diese letzten Stunden Ihres Regiments nicht hinter Kasernenzäunen verstreichen zu lassen, sondern sie bewusst mit den Bürgerinnen und Bürgern gemeinsam hier im Herzen der Stadt Ahlen zu verbringen.

Seit nunmehr fast fünf Jahren hat sich dieser Verband mit seinen übergeordneten Dienststellen auf den heutigen Tag vorbereitet. Der damalige Bundesverteidigungsminister verkündete im Oktober 2011 seine Entscheidung, dass das Sanitätsregiment 22 „Westfalen“ aufgelöst und die Westfalenkaserne eine Traditionseinheit verlieren wird. Es war ein schwerer Schlag insbesondere für diejenigen, die dieser endgültige Beschluss ganz persönlich betraf.

Denn was auf dem Papier nüchtern und emotionslos im Verwaltungsdeutsch als „Strukturreform“ daherkommt, hat für die Menschen, die es betrifft, immer ganz unmittelbare und existenzielle Bedeutung. Soldaten, die ihren Standort verlassen müssen, verlieren auch ein Stück ihres Zuhauses. Sicher, das Sitzen auf den gepackten Koffern gehört ein Stück weit zum soldatischen Berufsbild. Wer sich für die Laufbahn in der Bundeswehr entscheidet, weiß beim Eintritt in die Streitkräfte darum. Und doch werden aller Gesetzmäßigkeiten zum Trotz freundschaftliche Bande zerschnitten, wenn - so wie heute - ein neues Kapitel für die Soldatinnen und Soldaten, aber auch für die Menschen in der Stadt Ahlen aufgeschlagen wird.

Mehr als ein halbes Jahrhundert Tradition als Garnisonsstadt verbinden die Bundeswehr und Ahlen. Militärisch sanitätsdienstliche Aufgaben wurden in der Westfalenkaserne in wechselnder Intensität, aber permanent wahrgenommen. In dieser Zeit sind unzertrennlich geglaubte Verknüpfungen gewachsen, die auch über die Auflösung des Sanitätsregiments hinaus Bestand haben werden.

Verehrter Herr Oberstarzt Stoffregen,
ich habe schon auf dem letzten von Ihnen ausgerichteten Neujahrsempfang im Drei-Kaiser-Saal davon gesprochen, dem heutigen Tag mit einem weinenden und einem lachenden Auge entgegenzusehen. Das eine Auge weint, weil heute die engen Bande zwischen der Stadt Ahlen und dem Sanitätsregiment unwiederbringlich zerreißen. Ihnen und Ihren Unterstellten wünsche ich viel Soldatenglück an neuen Dienstorten und in künftigen Verwendungen. Erinnern Sie sich bitte immer gerne an Ihre Zeit in Ahlen zurück!

Einen guten Grund zu lachen, hat mein anderes Auge. Vielfältigen Anstrengungen auf Bundes-, Landes und Kommunalebene war es zu verdanken, dass der Standort Ahlen die letzte große Strukturreform nicht nur überlebt hat, sondern sogar gestärkt aus ihr hervorgegangen ist. Vertrauen Sie  meinem Versprechen, auch Ihren Nachfolgern jede Unterstützung zu gewähren, damit sie sich rasch in Ahlen wohlfühlen und unsere Stadt als neue Heimat betrachten. Ich freue mich sehr über die Entscheidung, das Aufklärungsbataillon 7 in der Westfalenkaserne zu stationieren. Sie ist ein gutes Omen und lässt berechtigt die Erwartung zu, dass Ahlen auch die nächsten Jahre und Jahrzehnte als Garnisonsstadt Bestand haben wird. Insofern sehe für unsere Stadt ich bei allem Kummer über den Abschied keinen Anlass zu bitterer Schwermut.

Deutschland hat mit der Überwindung des Kalten Krieges begonnen, in internationalen Militäreinsätzen Verantwortung zu tragen. Ob auf dem Balkan, in Afghanistan, vor den Küsten des Mittelmeeres, am Horn von Afrika, an Bord der AWACS-Flieger, in Westafrika oder wie jetzt auch über dem syrischen Luftraum: Unsere Bundeswehr ist ein fester und verlässlicher Bündnispartner, der sich nicht weg duckt, wenn es die Lage verlangt und das Parlament einen Auftrag erteilt.  

Immer waren es auch Soldatinnen und Soldaten aus Ahlen, die bei zahlreichen Auslandseinsätzen die eigene Gesundheit aufs Spiel setzten, um Kameradinnen, Kameraden und vom Krieg getroffene Zivilisten beizustehen. Getreu Ihrer Eidesformel, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen, haben sie die Bündnisverpflichtungen unserer Nation in konkretes humanitäres Handeln umgesetzt. Dafür gilt Ihnen allen - auch den Frauen und Männern, die heute nicht hier sein können - unser aller Dank und Anerkennung!

Meine Damen und Herren, die Bundeswehr darf nach unserer Verfassung nicht im Inland eingesetzt werden. Dafür gibt es meiner Meinung nach auch überzeugende Gründe. Dennoch bieten sich eine Fülle von Möglichkeiten für die praktische   militärisch-zivile Zusammenarbeit. Als die Stadt Ahlen im letzten Spätsommer unter dem Druck stand, eine weitere Notunterkunft für Flüchtlinge zu aktivieren, versperrten sich die Soldatinnen und Soldaten der Westfalenkaserne nicht. Mit Eifer machten sie sich daran, zwei Wohnblöcke zu räumen und als Wohnstätte für 350 Menschen herzurichten. Mir imponierte die zupackende Art und Zielstrebigkeit der örtlichen „Sannis“, mit Tatendrang schnell und effektiv etwas auf die Beine zu stellen. Rührig haben Sie vorweggenommen, was der offizielle Dienstweg an der einen oder anderen Stelle so noch nicht vorgesehen hatte. Vielen Dank für diesen couragierten Einsatz!

Das Kapitel des Sanitätsregiments 22 wird heute geschlossen. Weitere Kapitel im Buch der Garnisonsstadt Ahlen warten aber darauf geschrieben zu werden, worauf ich mich sehr freue. Den Soldatinnen und Soldaten des Sanitätsregiments 22 „Westfalen“, ihren Familien und allen Angehörigen, wünsche ich von Herzen Gottes Segen auf ihrem privaten und dienstlichen Weg. Behalten Sie Ahlen in Ihrem Herzen. Vielen Dank!