Begrüßung von Bürgermeister Dr. Alexander Berger aus Anlass der Stolpersteinverlegung in der Klosterstraße am 22. November 2016

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

mit der heutigen Stolpersteinverlegung schlägt die Stadt Ahlen ein neues Kapitel im Buch der Erinnerungskultur auf. Erstmalig verlegen wir Stolpersteine auch für die Menschen, die der Ermordung durch das Nazi-Regime dank weiser Voraussicht oder günstiger Umstände entkamen. Die öffentliche Erinnerung an die Barbarei, unter der die jüdischen Bürger unserer Stadt litten, bekommt damit ein umfassenderes, ein vollständigeres Bild. 

Alle Verfolgten der braunen Diktatur eint eines: Sie waren ohne irgendeinen Zweifel unschuldige Opfer einer unmenschlichen Ideologie. Kinder, Frauen und Männer, Arme und Reiche, Gläubige und Ungläubige waren Ziel des blinden Hasses. Mit kalter Präzision und tödlicher Effizienz beraubten sie die Nazis erst ihrer bürgerlichen Existenz und menschlichen Würde, später dann auch ihres Lebens.

Unverzeihlich versündigt hat sich das damalige Deutschland an jenen, die den letzten Weg in die Gaskammern von Auschwitz und Treblinka gehen mussten oder deren Spuren sich im Rigaer Ghetto verloren. Nur wenigen gelang es, dem sicheren Tod durch frühzeitige Emigration zu entrinnen. Kaum jemandem war es vergönnt, von den alliierten Befreiern aus Lagern und Todesmärschen gerettet zu werden.

Flucht – Befreiung – Tod:  Das Unheil, welches über die Ahlener Familie Moszkowicz hereinbrach, beschreibt auf das Verhängnisvollste, welche drei Schicksale den Juden im Deutschland von 1933 bis 1945 vorbestimmt waren. Um unserer Erleichterung darüber Ausdruck zu verleihen, dass Menschen sich der nationalsozialistischen Mordmaschinerie entziehen konnten, sprechen wir heute von der „geglückten Flucht“ oder der „glücklichen Befreiung“.

Meine Damen und Herren, sollte es uns nicht widerstreben, in diesem Kontext das „Glück“ zu bemühen? Laufen wir nicht Gefahr, das Leid, die Qualen und die Entbehrungen der Exilanten und Befreiten – wenn auch freilich unbewusst und ungewollt – damit zu relativieren? Das Wort vom Glück suggeriert uns, dass die Schicksale der Davongekommenen weniger schlimm waren. Die Überlebenden haben ihr nacktes Leben retten können, aber dennoch Tag für Tag gelitten.

Wie muss es gewesen sein für Vater Benjamin Moszkowicz im fernen Argentinien, der abgeschnitten von allen Nachrichten und zum Nichtstun verdammt um das Leben und Wohlergehen seiner Familie bangen musste?

Wie hat es sich angefühlt für den jungen Imo im Lager, der jeden Morgen in der quälenden Ungewissheit aufwachte, ob ihn die scheußliche Willkür seiner Bewacher und Folterer noch den Abend erleben lassen würde?

Auch sie, die Überlebenden, waren alle gleichermaßen Opfer. Ohne Unterschied. Und ohne Glück.

Deswegen ist es nur recht und billig, dass wir heute auch jenen die Beachtung schenken, die sich vor dem sicheren Tod durch Flucht oder Befreiung in Sicherheit bringen konnten.

Verehrte Anwesende, dem Unfassbaren der Nazi-Tyrannei stehen wir immer wieder hilflos und nach Worten suchend gegenüber. Uns bleiben nur die flüchtig ausgesprochenen Worte, um in Reden an das Geschehene zu erinnern und aufzurütteln. Sind die Reden gehalten, wenden wir uns wieder anderen Dingen zu. Ewig und unvergänglich aber sind die Steine. Die Stolpersteine in Ahlen sollen unsere Betroffenheit wecken während des ganzen Jahres, auch außerhalb der Gedenktage und besonderen Anlässe. Sie sollen uns mahnen, dass nie wieder Hass, Ausgrenzung und fanatischer Nationalismus die Oberhand gewinnen und zur Staatsdoktrin werden.

Unser verehrter Ehrenbürger Imo Moszkowicz hat trotz aller Entrechtung und Entwürdigung, die er in den Mauern unserer Stadt erleben und erleiden musste, die Hand zur Versöhnung ausgestreckt. Es war überhaupt nicht selbstverständlich, dass er die ihm angetragene Ehrenauszeichnung annahm. In dem er sich zu seiner Heimatstadt bekannte, gab er – der der Verfolgte war! – uns ein Zeichen zur Aussöhnung. Ich freue mich, dass sein Vorbild auch heute in den Schulen wachgehalten und unserer Jugend vermittelt wird.

Im Übrigen darf ich Ihnen allen Grüße von Daniela Dadieu-Ebenbauer ausrichten. Im Namen ihrer Mutter Renate Moszkowicz und ihres Bruders wünscht sie unserer heutigen Verlegung einen guten Verlauf. Die Familie Moszkowicz fühlt sich Ahlen und der intensiv gepflegten Erinnerungsarbeit in Ahlen freundschaftlich verbunden. Ich würde mich freuen, Angehörige der Familie bald wieder bei uns begrüßen zu dürfen.

Ausdrücklich danken möchte ich auch dem Forum Brüderlichkeit sowie dem Arbeitskreis weiterführender Schulen, die sich vorzüglich für die historische Bildung und gegen die Geschichtsvergessenheit in vielfältiger Weise verdient machen.

Meine Damen und Herren, ein bekanntes und gern zitiertes jüdisches Sprichwort sagt: „Wirklich tot sind nur jene, an die sich niemand mehr erinnert.“ Lassen Sie uns heute ein unübersehbares Zeichen gegen das Vergessen setzen.   -  Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, ich wünsche Ihnen allen noch einen schönen Tag!