Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2016

Zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar würdigte Bürgermeister Dr. Alexander Berger die Anstrengungen des Städtischen Gymnasiums im Bereich der Erinnerungskultur. Seit zehn Jahren fahren Oberstufenkurse regelmäßig in das frühere Konzentrationslager Auschwitz.
Der Bürgermeister sprach auf der Gedenkveranstaltung, die aus Anlass des 71. Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz in der Aula des Gymnasiums stattfand. Zuvor legte er mit Schülern einen Kranz am Mahnmal für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nieder.   


Sehr geehrte Frau Dr. Giebel,
verehrter Herr Löper,
liebe Schülerinnen und Schüler,

es ist für mich heute Vormittag ein ganz besonderes Ereignis, hier auf der Bühne des Städtischen Gymnasiums zu stehen. Vor etwas mehr als einem Vierteljahrhundert habe ich an dieser Schule meine Abiturprüfung abgelegt. Neun Jahre lang war ich Schüler am „Städtischen“, was im Rückblick eine tolle Zeit war, die mich ganz entscheidend geprägt hat.

Das hat auch damit zu tun, dass ich Lehrerinnen und Lehrer hatte, die uns Schüler nicht nur das nötige fachliche Rüstzeug mit auf den Weg gegeben haben, um später in Ausbildung und Studium erfolgreich bestehen zu können. Genauso wichtig war es den Lehrkräften, uns ein humanistisches Menschenbild zu vermitteln. Wir haben Werte wie Respekt, Toleranz und Mitgefühl für Schwächere von unseren Eltern gelernt und hier an der Schule verinnerlicht.

Heute gilt mein Dank vor allem Ihnen, sehr verehrter Herr Löper. Seit zehn Jahren tragen Sie dafür Sorge, dass kein Gras über unsere deutsche Geschichte wächst. Sie hinterfragen die faden Argumente derer, die am liebsten einen Schlussstrich unter unsere Vergangenheit ziehen und sich damit der Verantwortung für unsere Geschichte entziehen wollen. Mit Unterstützung weiterer engagierter Lehrerinnen und Lehrern aus dem Kollegium haben Sie eine Erinnerungs- und Gedenkstättenarbeit an dieser Schule etabliert, die ihresgleichen sucht.

Mit Schülerinnen und Schülern brechen Sie auf zu den Orten, an denen das Unvorstellbare geschah: Sie stellen sich dem Grauen der Appellplätze, der Selektionsrampen, der Baracken und der Gaskammern. Wer einmal in den Gedenkstätten war, kehrt mit Eindrücken zurück, die einen das Leben lang nicht mehr loslassen. Wer einmal mit eigenen Augen gesehen hat, wozu politische, religiöse und rassische Diskriminierung geführt haben, der wird sein Wort erheben gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung. Diese unbeugsame Haltung ist in unseren Tagen wichtiger denn je!
Seit Monaten flüchten sich Menschen zu uns in der Hoffnung auf ein sicheres Leben ohne ständige Angst vor Krieg und Verfolgung. Diese Kinder, Frauen und Männer haben Dinge erleiden müssen, die wir uns nicht vorstellen können. Sie haben ihre Arbeit und Existenz verloren, weil sie mit dem politischen System offen aneinandergeraten sind. Man hat sie nachts aus ihren Häusern gezerrt und vertrieben, weil sie einer fremden Religion oder Nationalität angehörten. Ihre Heimat wurde zu Feindesland. Geächtet und entrechtet, bekleidet mit dem, was sie auf dem Leib trugen, gaben sie sich in die Hände skrupelloser Schlepper, die ihnen auch das letzte Hab und Gut abnahmen und auf eine schicksalhafte Reise übers Meer schickten.

Uns Deutschen kommen diese Dinge bekannt vor. Auch hier, bei uns in Ahlen, wurden vor 80 Jahren Minderheiten entwürdigt und bis in den Tod verfolgt. Es waren Ahlener, die Unrecht begangen haben und es waren Ahlener, vor deren menschenverachtendem Wüten die jüdischen Bürger unserer Stadt die Flucht ergriffen, soweit es ihnen möglich war. Ja, die Stadt Ahlen brüstete sich sogar damit, die erste judenfreie Stadt im Deutschen Reich zu sein.

Diese uns beschämenden Geschehen sind erst ein Menschenleben her. Sie sind noch wach im kollektiven Gedächtnis derer, die nicht vergessen wollen und nicht vergessen können. Umso glücklicher bin ich, dass wir in Ahlen heute wissen, was man tun und lassen soll. Es ist zu einem großen Stück auch der unermüdlichen Erinnerungsarbeit unserer Schulen zu verdanken, dass die vor Unrecht flüchtenden Menschen mit offenen Armen aufgenommen werden. Erst vor zwei Wochen hatte ich bei meinem Neujahrsempfang die große Freude, im Namen der Stadt Ahlen stellvertretend für das gesamte Schülerengagement in der Flüchtlingshilfe zwei Schülerinnen auszuzeichnen.

Liebe Anwesenden,

sorgen Sie auch in Zukunft weiter dafür, dass das Unerhörte eine unüberhörbare Stimme behält. Bleiben Sie mit Ihrem Einsatz ein wesentlicher Baustein im Mosaik der Erinnerungskultur, die wir in Ahlen auf vielfältige Weise pflegen und weiterentwickeln. Für diese Veranstaltung sei Ihnen, sehr geehrte Frau Dr. Giebel, und Ihnen Herr Löper auf das Herzlichste gedankt.