Grußwort aus Anlass der Eröffnung der Ausstellung „Im Gedenken der Kinder. Die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit“ am 2. März 2017 im Foyer des St.-Franziskus-Hospitals

Foto: Die Kooperationspartner eröffneten die Ausstellung im St.-Franziskus-Hospital: (v.l.) Dr. Carsten Krüger, Prof. Dr. Hans-Michael Straßburg, Dr. Alexander Berger, Werner Fischer (Forum Brüderlichkeit), Franz Tripp (Bürgerstiftung), Lars König (
Die Kooperationspartner eröffneten die Ausstellung im St.-Franziskus-Hospital: (v.l.) Dr. Carsten Krüger, Prof. Dr. Hans-Michael Straßburg, Dr. Alexander Berger, Werner Fischer (Forum Brüderlichkeit), Franz Tripp (Bürgerstiftung), Lars König (Familienbildungsstätte), Winfried Mertens (Verwaltungsdirektor des St.-Franziskus-Hospitals), Rudolf Blauth (Volkshochschule)

Die „Euthanasie“ begann mit der denunziatorischen Entmenschlichung ihrer Opfer, die als „nutzlose Esser“, „seelenlose menschliche Hüllen“ verunglimpft wurden und – in den Worten der Täter – der „Ausmerzung“ bedurften. „Die Barbarei der Sprache ist die Barbarei des Geistes“ – und aus Worten wurden Taten.

Sehr geehrter Herr Dr. Krüger,
verehrter Herr Mertens,
geschätzte Damen und Herren des Forums Brüderlichkeit,
liebe Gäste.

Mit diesen eindringlich mahnenden Worten erinnerte vor dem Deutschen Bundestag Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, an das beschämende Schicksal von 300.000 Menschen, die in der Diktion der Täter als „lebensunwert“ galten. Ohne Unterschied richtete sich die menschenverachtende Nutzwertideologie der Nazis gegen die schwächsten Geschöpfe unserer Gesellschaft.

Es waren die Kinder, Frauen und Männer, die am meisten des Schutzes und der Fürsorge durch Staat und Gesellschaft bedurften: Geistig und emotional Behinderte, körperlich schwer Gebrechliche, Hilflose. Als „Probelauf zum Holocaust“, so Norbert Lammert, galt das Töten durch Gas, das zuerst bei den „Euthanasie“-Opfern praktiziert und damit zum Muster für den späteren Massenmord in den NS-Vernichtungslagern wurde. Keine relativierende Abschwächung von Verantwortung kann es uns sein, dass die Theorie der NS-Rassehygiene – ein schreckliches Wort, wie ich finde – in ähnlicher Form selbst in liberalen Staaten wie den USA seinerzeit Befürworter fand. Allein in Deutschland aber kam es zum vorsätzlichen, systematischen Töten hunderttausender Menschen, die den rassenideologischen Vorstellungen der Machthaber widersprachen. Staatliche und selbst kirchliche Krankenanstalten fanden ihren Platz auf der Landkarte des tausendfachen Tötens. Und diese Orte sind nicht weit weg, wie wir auf der Landkarte in der Ausstellung erkennen.

Die Täter kamen unverdächtig daher. Ihre Opfer und deren Angehörige vertrauten sich Ärzten, Krankenhausleitungen und Pflegern in der Erwartung an, menschliche Zuwendung zu finden und Linderung ihrer Pein. Die ruchlose Absicht ihrer Mörder erkannten sie nicht. Nach über 70 Jahren ist es für uns noch immer schwer zu fassen, wie sich ein medizinisches System, das sich dem Heil der Menschen verpflichtet fühlt, in solchem Ausmaß pervertieren konnte. Es war nämlich mehr als nur ein Versagen weniger Verblendeter. Der Massenmord an den Kranken war ein staatlich organisiertes Verbrechen, dessen ideologisches Fundament bei zahlreichen Angehörigen der Heil- und Pflegeberufe auf fruchtbaren Boden fiel. Kaum einer wurde nach dem Kriege für seine Beteiligung am Massenmord zur Rechenschaft gezogen, viel zu viele erlangten wieder Ansehen und wissenschaftliche Reputation.

Wir können uns nicht die Einsicht entziehen, dass zum Umgang mit behinderten Menschen in Deutschland eine fragwürdige Einstellung verbreitet war. Und das schon weit bevor der Nationalsozialismus zur herrschenden Doktrin wurde. Behinderte Menschen fanden in der Öffentlichkeit schlicht und einfach nicht statt. Mit schamvollem Empfinden war es besetzt, wenn in der Familie krankheitsbedingt ein Angehöriger nicht den gesellschaftlich diktierten Normen entsprach. Betroffenen ließ man keine Förderung und Integration angedeihen. Geistig Behinderte blieben ausgegrenzt, ja sie wurden regelrecht versteckt, zu Hause oder abgeschoben in Heimen. In diesem Klima des nicht Dazugehörens, der Separation und des Verstecken keimte die Saat, die die letzten Hemmungen fallen ließ.

Meine Damen und Herren, das Grundgesetz garantiert als Lehre aus den Verbrechen der Nazizeit allen Menschen ungeachtet ihrer Rasse, ihres Geschlechts und ihrer gesundheitlichen Verfassung die unantastbare Würde. Es ist Ausdruck unseres humanen Selbstverständnis, allen Menschen die volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Manches, was derzeit an gesetzlichen Anstrengungen auf Integration und Inklusion gerichtet ist, mag noch nicht der Weisheit letzter Schluss ein. Aber wir sind auf dem richtigen Weg. Menschen mit besonderem Fürsorgebedarf gehören nicht an den Rand, sondern in die Mitte der Gesellschaft.

Verehrter Herr Dr. Krüger, sehr geehrter Herr Mertens, wer an Verbrechen erinnert, zieht niemals Schande auf sich - auch wenn wir in diesen Tagen Forderungen hören müssen, die nach der Wende der Erinnerungskultur um 180 Grad verlangen. Es hat bis 2011 gedauert, ehe der Deutsche Bundestag einen Beschluss fasste, auch den Opfern der Euthanasie ein nationales Mahnmal zu widmen. Daran erkennen wird, dass dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte noch längst nicht aufgearbeitet ist. Möge die Ausstellung Ihren Patienten, Ihren Beschäftigten und allen Bürgerinnen und Bürgern, denen ich einen Besuch empfehle, bislang nicht bekannte Erkenntnisse und Wahrheiten näherbringen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.