Ansprache von Bürgermeister Dr. Alexander Berger auf dem Ostfriedhof und auf dem Marktplatz am 8. Mai 2017 zum Gedenken an das Kriegsende 1945

Ansprache auf dem Ostfriedhof zum Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 2017

„Leben ohne Hass“

Sehr verehrter Herr Legant,
liebe Schülerinnen und Schüler,
meine Damen und Herren,

alljährlich bekennen wir in Erinnerung an das Kriegsende vor 72 Jahren an diesem Ort unsere Verantwortung für Frieden und Freiheit. Uns beschämt das Schicksal jener, die in deutschem Namen und in deutscher Schuld ihr Leben ließen. Eine unmenschliche, menschenverachtende  Ideologie löschte das Leben junger Männer und Frauen aus, die als Kriegsgefangene und Verschleppte zum Frondienst im nationalsozialistischen Feindesland verdammt waren. Lebensträume junger sowjetischer Menschen fanden auch hier, bei uns in Ahlen ihr vorschnelles und schreckliches Ende.

Die, die die Sklavenarbeit überlebten und nach dem Krieg in die Freiheit entlassen worden waren, hatten allen Grund zum Hass auf ihre Folterknechte und Bewacher. Ohne Orientierung und ohne Vorstellungen von ihrer Zukunft irrten viele von ihnen als sogenannte „displaced persons“ durch Europa. Bauernhöfe im Münsterland, auch in Ahlen, waren das Ziel marodierender, sich selbst überlassener  Kriegsverschleppter. Die Entbehrungen und Erniedrigungen der Kriegsgefangenschaft entluden sich teilweise auch in Gewalt gegen deutsche Zivilisten. Meistens auf der Suche nach Lebensmitteln oder einem Dach über dem Kopf, selten aus purer Rache.

Dabei hätte man – bei allem unentschuldbaren Unrecht, das Gewalt gegen Menschen immer ist – nur schwer jenen einen moralischen  Vorhalt machen können, deren Ohnmachtsgefühle sich nun Bahn brachen. Erzählungen von früheren Zwangsarbeitern bringen jedoch immer wieder zum Ausdruck: Wir wollten nicht hassen. Die Schänder sollten nicht länger die Macht haben, über die Gefühle der Befreiten zu bestimmen. Der Verzicht auf Hass war auch ein Symbol der inneren Befreiung. „Wenn wir hassen, verlieren wir, wenn wir lieben, werden wir reich“, drückte es die frühere Zwangsarbeiterin Philomena Franz aus.

Erst ein Leben ohne Hass gibt der Seele ihren Frieden. „Hass und Rache sind die schlimmsten Feinde der Menschlichkeit“ sagte Ahlens Ehrenbürger Imo Moszkowicz in einem Zeitungsinterview anlässlich seines 80. Geburtstages. Trotz seiner schlimmen Erfahrungen suchte Imo Moszkowicz ständig den Dialog zu seiner Heimatstadt Ahlen. In Lesungen, Diskussionen und Vorträgen konfrontierte er insbesondere die Ahlener Jugend mit den Verbrechen des Nationalsozialismus und streckte dabei seine Hand zur Versöhnung aus.

Auf dem „Weg der Erinnerung“ gehen Sie gleich zum Therese-Münsterteicher-Platz. Mit der Benennung des „Therese-Münsterteicher-Platzes“ im Jahr 1996 setzte Imo   Moszkowicz gemeinsam mit  der Stadt Ahlen der Ahlener Bergarbeiterfrau  ein Denkmal. Sie hatte sich mit bewundernswerter Zivilcourage unter Einsatz ihres Lebens für jüdischen Mitbürger eingesetzt, insbesondere auch für die Familie Moszkowicz. Als Haushälterin in der Familie einer stadtbekannten Nazigröße nutzte sie ihre Beziehungen mutig und gewitzt. Sie teilte ihr Wissen über geplante Machenschaften gegen die  jüdische Bevölkerung mit den ihr befreundeten Familien. Selbst nach der Pogromnacht vom 9. November ließ sie sich nicht einschüchtern und stand öffentlich zu ihren jüdischen Freunden.

Ich danke der Geschwister-Scholl-Schule, dass sie seit zwanzig Jahren das Gedenken an diese großartige Frau bewahrt hat. Die Pflege ihres Grabes auf dem Südfriedhof wird künftig in die verantwortungsvollen Hände der Gesamtschule wechseln. Das außerordentliche Engagement der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrerinnen und Lehrer an der Geschwister-Scholl-Schule wird der Erinnerungskultur in dieser Stadt fehlen.

Die Erinnerung an Vorbilder wie Philomena Franz, Imo Moszkowicz oder Therese Münsterteicher bleibt letztlich folgenlos, wenn wir nicht täglich im Privaten, in der Schule oder am Arbeitsplatz bereit sind, ihre Ideale zu leben.

Liebe Schülerinnen und Schüler,
dass ein Leben ohne Hass selbst in dunkelster Zeit möglich ist, haben uns diese Menschen gelehrt. Lasst uns ihnen nacheifern und respektvoll und wertschätzend miteinander umgehen. Wer dieses Gebot befolgt, tut schon viel dafür, den Frieden in der Welt zu bewahren.  

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Abschluss auf dem Marktplatz

Liebe Schülerinnen und Schüler,
verehrte Anwesende,

heute vor 72 Jahren endete der letzte große Krieg in Europa. Unsere Gedanken sind bei allen Kriegstoten und Opfern von Gewaltherrschaft. Wir rufen uns in Erinnerung das sinnlose Sterben auf den Schlachtfeldern Europas, des Nahen und Fernen Ostens sowie den Blutzoll in unzähligen Bürgerkriegen weltweit.

In Gedanken sind wir bei denen, die im Namen von menschen- und zivilisationsfeindlichen Ideologien dem Tod preisgegeben worden sind – gestern und heute!

Wir trauern um alle Menschen, die infolge von Kriegen zwischen den Völkern ihr Leben lassen mussten:

Seien es die Soldaten an den Fronten zwischen Atlantik und Kaukasus, die für den Überlegenheitswahn eines Diktators verheizt worden sind,
seien es die Frauen, Mütter und Kinder, die im Bombenhagel über Europas Städten umkamen, von Trümmern begraben und im Feuersturm auf den Straßen verbrannt,

seien es die Menschen, die wegen ihrer Rasse, ihrer politischen, gesellschaftlichen oder sexuellen Orientierung erst gesellschaftlich ausgegrenzt und dann gepeinigt, gequält und getötet worden sind,

seien es die mutigen Frauen und Männer, die nicht den Blick vom Unrecht abwandten und tapfer ihre Stimme dagegen erhoben oder unter Einsatz ihres Lebens zur Tat schritten, um ihm ein Ende zu setzen.

Aus ihren Gräbern rufen sie uns zu: Macht nicht dieselben Fehler, die uns einst ins Verderben rissen. Lernt aus der Vergangenheit, und wendet Euch ab von Hass, Neid und Unmenschlichkeit.

Ich bin der Bundeswehr dankbar, dass sie heute gemeinsam mit uns diese Feierstunde begeht. Als Parlaments- und Friedensarmee ist sie der Garant unserer freiheitlichen Ordnung. Herr Oberstleutnant Sasse, ich darf Sie bitten, mit mir den Kranz am Ehrenmal der Opfer von Kriegen und Gewalt niederzulegen.