Rede am Jüdischen Mahnmal am 9. November 2017

Foto: Kranzniederlegung am Jüdischen Mahnmal in der Klosterstraße: v.l. Dr. Alexander Berger, Ruth Frankenthal, Prof. Dr. Thomas Sternberg
Kranzniederlegung am Jüdischen Mahnmal in der Klosterstraße: v.l. Dr. Alexander Berger, Ruth Frankenthal, Prof. Dr. Thomas Sternberg

Sehr geehrte Frau Frankenthal,
verehrter Herr Prof. Dr. Sternberg,
meine Damen und Herren.

Ich begrüße Sie herzlich zu unserer heutigen Kundgebung aus Anlass der Pogromnacht vor 79 Jahren. Wieder einmal haben Sie, als Vertreterinnen und Vertreter von Vereinen, Schulen, Parteien, Kirchen und Verbänden, aber auch als bewegte Bürgerinnen und Bürger, den Weg in die Klosterstraße gefunden. Wir erinnern uns an diesem Abend der furchtbaren Geschehnisse, die vor acht Jahrzehnten auch über unsere Stadt Schimpf und Schande gebracht haben.

Nur wenige Schritte von uns entfernt, am heutigen Heimatmuseum, fand in jener Nacht vom 9. auf den 10. November Siegmund Spiegel, ein unbescholtener Ahlener Bürger, den Tod. Gehetzt von einer Meute brutaler Täter starb er an den Strapazen, die ihm seine Peiniger auf offener Straße zugefügt hatten. In derselben Nacht ging auf der Rückseite dieser Häuserfront die Ahlener Synagoge in Flammen auf. Die Stadt Ahlen blieb der Jüdischen Gemeinde den Schutz schuldig, zu dem sie verpflichtet gewesen wäre.

Die Zivilgesellschaft erlebte in dieser Nacht des Schreckens eine ihrer dunkelsten Stunden in der deutschen Geschichte.

Bundeskanzlerin Angela Merkel zitierte in ihrer Rede anlässlich der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas den ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog mit den Worten: „Totalitarismus und Menschenverachtung bekämpft man nicht, wenn sie schon die Macht ergriffen haben. Man muss sie schon bekämpfen, wenn sie zum ersten Mal – und vielleicht noch ganz zaghaft – das Haupt erheben.“ Angela Merkel bezeichnete dieses Bekämpfen der Menschenverachtung als Aufgabe für jeden einzelnen von uns: „Denn in der Gleichgültigkeit, in einem Klima des Geht-mich-nichts-an, keimt bereits die Menschenverachtung auf“, so die Bundeskanzlerin. Menschlichkeit bedeute „hinzusehen und nicht wegzusehen, wenn die Würde des Menschen verletzt wird“.

Heute, mehr als siebzig Jahre nach Weltkrieg und Pogrom, verschwimmt zunehmend die Wahrnehmung für das, was zaghaft das Haupt erhebt. Die Antennen unserer Gesellschaft empfangen immer unschärfer antisemitische Signale und Warntöne. In den dreißiger Jahren herrschte eine offene antijüdische Stimmung. Der Staat vollstreckte auf erschütternd effiziente Weise die nationalsozialistische Rassenideologie. Juden galten als unwert, um am deutschen Gemeinwesen teilzuhaben. Deutsche, jüdische Bürger wurden des staatlichen Schutzes beraubt, entwürdigt und gedemütigt. Niemand behauptet heute noch ernsthaft, die Abwertung der Juden sei öffentlich nicht wahrnehmbar gewesen. Es geschah täglich: In der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in den Zeitungen. Selbst im Kino, das sich nicht scheute, medial verpackt Rassenhetze unters Volk zu bringen. Schon 1937 klärte der NS-Staat seine Angehörigen auf, was er unter guter deutscher Kunst, und was unter entarteter Kunst verstand. Hetze und Erniedrigung waren allgegenwärtig.

Meine Damen und Herren, heute ist es vielfach schwerer zu erkennen, wo sich die antisemitischen Geister erheben. Unsere Schulen leisten vorbildliche Beiträge zur Erinnerungskultur, die Repräsentanten der politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit mahnen und erinnern in würdevollen Zeremonien wie der unsrigen heute Abend an Unrecht und Verbrechen. Der Kulturbetrieb hat sich dem „Nie wieder!“ verschrieben. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Antisemitismus in seiner offenen und unverhohlenen Form in Deutschland keine Resonanzfläche mehr findet. Im 21. Jahrhundert kommt er nicht mehr plump und holzschnitzartig daher, sondern subtil und chamäleonhaft. Der Antisemitismus hat gelernt, und das macht ihn so gefährlich.

Laufen wir also Gefahr, womöglich die Zuckungen des hässlichen Hauptes zu übersehen? Liebe Frau Frankenthal, ich bin mir sicher, dass jüdische Bürgerinnen und Bürger eine feinere Sensorik für judenfeindliche Untertöne entwickelt haben und auch entwickeln mussten. Es ist nämlich ein Unterschied zwischen fühlen und mitfühlen, zwischen getroffen und betroffen. Wir sollten uns deswegen immer wieder vergewissern, wie jüdische Menschen bestimmte Entwicklungen wahrnehmen. Ich möchte nur zwei Beispiele nennen.    

Kaum bemerkt von weiten Teilen der Öffentlichkeit braut sich etwas zusammen, das nicht nur den Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, Sorgen bereitet. Als im Januar das Oberlandesgericht Düsseldorf ein Urteil des Amtsgerichts Wuppertal bestätigte, wonach in dem Brandanschlag auf die Bergische Synagoge Wuppertal kein antisemitisches Motiv zu erkennen sei, rief dies nach Schusters Beobachtung keinerlei kritische Reaktionen außerhalb der jüdischen Community hervor.

Auch als im April jüdische Eltern ihren Sohn von einer Schule in Berlin-Friedenau nahmen, weil er dort fortgesetzt von Mitschülern aggressivem Mobbing ausgesetzt war, seien die Reaktionen gespalten gewesen. Während auf der einen Seite ehrliches Entsetzen herrschte, gab es auf der anderen Seite einen Leserbrief von Eltern der Schule, die darauf hinwiesen, dass aufgrund des Nahostkonflikts zwischen Juden und Arabern keiner vor religiös motivierten Auseinandersetzungen gefeit sei.

Verehrte Anwesende, hier reckt sich uns zaghaft das Haupt entgegen, dem wir unser aller Widerstand entgegensetzen müssen. Wenn gläubige Juden Gefahr laufen, Opfer von Angriffen zu werden, nur weil sie Kippa oder Davidstern tragen, dann geht uns das alle etwas an.  Ich stimme dem Zentralratsvorsitzenden Schuster ausdrücklich zu, wenn er eine offizielle Antisemitismus-Definition fordert, die auch den israelbezogenen Antisemitismus berücksichtigt. Sie muss so in Deutschland implementiert werden, dass sie für Polizei und Strafverfolgungsbehörden eine verbindliche Richtschnur bildet. Ein eigener Beauftragter auf Bundesebene sollte dafür sorgen, dass die Bekämpfung des Antisemitismus verstetigt und intensiviert wird. Der letzte Bundestag konnte sich zu einem solchen Beschluss noch nicht durchringen. Wenn dem Antisemitismus in seinen vielfältigen Erscheinungsformen - gerade auch im Internet - wirksam zu Leibe gerückt werden soll, dann wird es für eine entsprechende Beschlussfassung jetzt höchste Zeit.

Gegen sämtliche Regungen des Antisemitismus sind wir zum Handeln aufgefordert. Mut machen kann uns dabei die optimistische Grundhaltung, mit der Josef Schuster antijüdischen Erscheinungen begegnet. Er spricht für alle aufrechten Demokraten, wenn ich ihn zitiere: „Haben wir manchmal Angst vor Antisemitismus? Ja. Aber wir nutzen die Meinungsfreiheit in diesem Land, um dagegen anzukämpfen. Und auch, wenn manche sich das wünschen – bei Antisemitismus werden wir eines niemals tun: schweigen.“ Zitat Ende.

Meine Damen und Herren, ich freue mich jetzt auf die immer wieder aufrüttelnden Worte von Ruth Frankenthal, jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Münster. Nach einem weiteren Lied des Posaunenchors der Evangelischen Kirchengemeinde Ahlen unter der Leitung von Rolf Leuthard, dem ich für das kulturelle Rahmenprogramm recht herzlich danke, spricht dann als Ehrengast Prof. Dr. Thomas Sternberg, den ich Ihnen kurz vorstellen möchte:

Von 1988 bis 2016 war Thomas Sternberg Direktor der Katholisch-Sozialen Akademie Franz-Hitze-Haus in Münster und von 1997 bis 2013 Sprecher für kulturpolitische Grundfragen im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Seit 1997 ist er Berater in der Kommission für Wissenschaft in der Deutschen Bischofskonferenz und seit 2001 Honorarprofessor für Kunst und Liturgie an der Westfälischen Wilhelms-Universität. Vor zwei Jahren wurde er in Nachfolge von Alois Glück zum Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken gewählt.

Nachhdem wir im Lutherjahr vieles über das Verhältnis der reformierten Kirche zum Judentum erfahren und gelernt haben, wird uns Professor Sternberg gleich sicherlich ein wenig die katholische Sicht des Zusammenlebens von Christen und Juden erhellen. Er ist dafür ein ausgewiesener Experte: Das Zentralkomitee unterhält seit vielen Jahren einen Gesprächskreis „Juden und Christen“, der sicherlich auch auf dem Deutschen Katholikentag im kommenden Jahr in Münster Akzente setzen wird.    

Ich freue mich jetzt auf Ruth Frankenthal und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.
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Zum Abschluss:

Sehr verehrte Anwesende,

„Anfangs ist der böse Trieb wie ein Vorübergehender, dann wie ein Gast und zuletzt wie ein Hausherr.“ So steht es im Talmud geschrieben.

Dadurch, dass wir Jahr für Jahr hier zusammenkommen bieten wir den bösen Trieben die Stirn und lassen nicht zu, dass sie jemals wieder zur herrschenden Ordnung in unserem gemeinsamen Haus werden können.

Einen erheblichen Beitrag hierzu leistet die Erinnerungsarbeit in Ahlen. Ich darf Ihnen heute schon eine Einladung aussprechen für den 6. Februar. Wir werden dann u.a. für die Überlebenden Marga, Siegmund und Karin Spiegel Stolpersteine an der Ostbredenstraße verlegen. Ich würde mich sehr freuen, viele von Ihnen begrüßen zu dürfen.

Ihnen allen einen guten Nachhauseweg und einen schönen Abend.