Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2017

Veranstaltung zum 72. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar 2017 in der Aula des Städtischen Gymnasiums.

Verehrte Frau Dr. Giebel,
sehr geehrter Herr Löper, sehr geehrter Herr Meemann,
meine lieben Schülerinnen und Schüler.

Ich danke Euch und Ihnen, dass auch in diesem Jahr wieder die Schülerinnen und Schüler in Ahlen an die furchtbaren Verbrechen erinnern, die in deutschem Namen und in deutscher Verantwortung zwischen 1933 und 1945 in Europa geschehen sind. Was in deutschen Konzentrationslagern geschah, war so monströs und für menschliche Vorstellungsfähigkeiten unbegreiflich, dass sich für diese Verbrechen der Begriff vom „industriellen Töten“ etabliert hat. Mit eiskalter Effizienz und gnadenlosem Hass ermordeten die Nazis jene, die nicht in ihr rassisch sauberes Weltbild passten oder gemeinhin und verächtlich als lebensunwert abgestempelt waren. Das deutsche Volk war es, dem allein der Platz auf Erden vorbehalten sein sollte. Deutsche nahmen sich auf ungehörige Weise das Recht heraus, Herr über Leben und Tod zu sein. Wer nicht dem deutschen Ideal entsprach, war es nicht wert zu leben.

Juden, politisch Andersdenkende, religiöse Minderheiten, Roma und Sinti, Homosexuelle sowie Kranke und Gebrechliche entsprachen nicht dem Bild der selbsternannten Herrenrasse. Sie waren die Ausgestoßenen, verurteilt zum Sterben, ausradiert aus dem Leben und der Erinnerung. Ihrer und ihrem Schicksal haben wir vorhin am Mahnmal  für die Opfer des Nationalsozialismus im Stillen gedacht.

Doch mit dem stillen Gedenken allein ist es nicht getan. Deswegen bin ich froh, dass Jahr für Jahr aus Anlass des 27. Januar hier und auf weiteren Veranstaltungen in unserer Stadt Schülerinnen und Schüler, junge Menschen, das Wort erheben und gegen das Vergessen mahnende Wort finden.

Ihr widerlegt eindrucksvoll und überzeugend jene, die in diesen Tagen davon sprechen, dass die Erinnerungskultur eine – wortwörtlich - „Schande“ für unser Land ist. Was müssen das für Menschen sein, die es beschämend finden, an die Ermordung von sechs Millionen jüdischen Kindern, Frauen und Männern zu erinnern. Sinnlos starben sie unter qualvollem Leid in den Lagern an Hunger, Krankheiten oder in den Gaskammern von Auschwitz oder Treblinka. Unter ihnen waren hunderttausende Schülerinnen und Schüler in Eurem Alter, mit genau denselben Wünschen und Träumen für ein langes glückliches Leben, so wie Ihr sie heute habt.

Die einzige Scham, die wir heute empfinden können, ist jene für die geistigen Urheber und Vollstrecker des industriellen Tötens. Und wir schämen uns für Menschen, die das Erinnern daran als Schande begreifen. Die Erinnerung wird gespeist durch Verantwortung. Verantwortung dafür, dass sich nie wieder ereignet, was die Welt in deutschem Namen an den Abgrund der Zivilisation geführt hat.

Liebe Schülerinnen und Schüler, bitte geht den Geschichtsfälschern, Wahrheitsverdrehern und Demagogen nicht auf ihren billigen Leim. Seid hellwache und kritische Beobachter dessen, was sich um Euch herum in der Stadt und im Land bewegt. Vor allem möchte ich an Euch appellieren, nicht alles zu glauben, was im Internet und in den sogenannten sozialen Medien an angeblichen Fakten und Nachrichten kursiert. Es mag ja in der digitalisierten Welt vielleicht als verstaubt und Relikt aus alten Zeiten gelten: Doch der tägliche Blick in die Zeitung schärft die Wahrnehmung für das, was politisch und gesellschaftlich wirklich relevant ist. Der Leser begegnet nicht nur seiner eigenen Auffassung, sondern muss sich mit dem Pro und  Contra von Argumenten auseinandersetzen und immer wieder auch eigene Standpunkte hinterfragen. Lest Zeitungen, diskutiert – ja, streitet! - mit Euren Eltern, Freunden und Lehrern. Bildet Euch eigene Anschauungen und Meinungen.

Unsere freiheitliche Ordnung braucht den lebhaften Gedankenaustausch und kontroverse Diskussionen. Aber auch den Respekt vor Fakten. Sie sind weder verhandelbar noch alternativ. Man kann geteilter Meinung über sie sein, man darf sie interpretieren, aber sie dürfen nicht so plump infrage gestellt werden, wie wir es zunehmend erleben. Informiert Euch deswegen aus mehreren Quellen, betrachtet die Dinge aus allen Perspektiven, dreht und wendet sie, um zu richtigen Einschätzungen und Überzeugungen zu gelangen. Wer dies beherzigt, wird schnell die Bosheit derer erkennen, die Euer Erinnern an die Gräuel der Vergangenheit infrage stellen wollen.

Meine Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler, die Erinnerung darf nicht enden. Und sie wird nicht enden, solange es aufgeklärte, kluge Demokraten in unserem Land gibt, die sich Anstand und Gewissen verpflichtet fühlen. Die vorbildliche Erinnerungskultur, die wir in Ahlen an unseren Schulen pflegen, macht mich zuversichtlich. Wir sind uns bewusst: Der Weg nach Auschwitz begann auch in Ahlen. Lassen wir es nie wieder dazu kommen.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!