Ansprache zur Stolpersteinverlegung für Familie Spiegel u.a. am 6. Februar 2018 (vor Ostbredenstraße 41)

Foto: Gut besucht war die Veranstaltung in der Ostbredenstraße.
Gut besucht war die Veranstaltung in der Ostbredenstraße.

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Gäste!

„Die Erinnerung darf nicht enden“, unter diesem Motto fanden wir uns vor etwas mehr als einer Woche im Städtischen Gymnasium zusammen, um der Befreiung des KZ Auschwitz vor 73 Jahren zu gedenken. Der heutige 6. Februar bekommt vor dem Hintergrund der unaussprechlichen Gräuel, die während des NS-Regimes in deutschem Namen begangen worden sind, für uns in Ahlen eine besondere Bedeutung. Was Ausgrenzung und Diskriminierung der jüdischen Bürger in Deutschland bedeutete und wie wir heute der Opfer und ihrer Leiden gedenken, das können wir beides exemplarisch am Datum des 6. Februar ablesen.  

Mit dem Gesetz zur Neufassung der Einkommensteuer vom 6. Februar 1938 wurden heute vor 80 Jahren Juden jegliche Steuerermäßigungen verwehrt. Die deutsche Bürokratie setze jüdische Menschen um ein weiteres Mal herab und zeigte ihnen mit erschreckender Effizienz: Ihr gehört nicht zu uns, für Euch gelten wortwörtlich andere Gesetze. Ein Jahr später wurden Juden automatisch in der höchsten Steuerklasse veranlagt, Schritt für Schritt beraubte der deutsche Staat seine jüdischen Bürger um Vermögen und Würde. Was 1933 mit der Entlassung der sogenannten nicht-arischen Bediensteten aus dem Staatsdienst begann und sich Jahr für Jahr mit Akten der Ausplünderung und Entrechtung verschärfte, endete schließlich in den Vernichtungslagern im Osten. Juden wurde auf schäbigste Weise in Deutschland das Leben unmöglich gemacht.

Entkommen konnten nur wenige der Verfolgung. Unter dem Druck der zunehmenden Drangsalierung ergriffen manche rechtzeitig die Flucht, so wie Hans Sänger. 1935 gelang ihm die Ausreise in das britische Mandatsgebiet Palästina. Er folgte der zionistischen Idee und half mit, den neuen Staat Israel, der in diesem Jahr seinen 70. Gründungstag begeht, aufzubauen. Der gebürtige Ahlener Hans Sänger nahm den hebräischen Namen Chanan Shirun an und wurde später an der Hebräischen Universität Jerusalem zu einem namhaften Ägyptologen Israels. Seinem Schicksal der Vertreibung gedenken wir nachher mit einer Stolpersteinverlegung an der Gerichtsstraße.

Im November 1985 kehrte Chanan Shirun noch einmal nach Ahlen zurück. Bürgermeister Horst Jaunich sprach den noch lebenden, über die Welt verstreuten ehemaligen jüdischen Bürgern aus Ahlen eine Einladung aus. Ihr folgten Menschen aus Israel, den USA, Argentinien, Frankreich, Spanien und Deutschland, unter ihnen auch unser verstorbener Ehrenbürger Imo Moszkowicz und Marga Spiegel, die bis 1982 in Ahlen wohnte. Zeitlebens setzte sie sich für die Aussöhnung zwischen Juden und Nicht-Juden ein. Dabei ist es mir fast unangenehm, von „Aussöhnung“ zu sprechen. Mit wem hatte sich denn Marga Spiegel, die mit ihrer Tochter und ihrem Ehemann bei mutigen Bauern im Münsterland Zuflucht fand, auszusöhnen? Hätte nicht von Seiten der Täter die Hand als Zeichen der Bitte um Verzeihung voller Demut gereicht werden müssen?

Diese bewundernswerte Frau aber machte den Anfang und ging auf die Menschen zu. In Schulen hielt sie bis ins hohe Alter Vorträge, war gern gesehener Gast in Ahlen. Marga Spiegel blieb bis zum Tod ihres Mannes 1992 in der Ahlen, ehe es sie nach Münster zog. Vor vier Jahren verstarb sie im biblischen Alter von 101 Jahren. Begraben ist Marga Spiegel an der Seite ihres Ehemannes auf dem jüdischen Teil des Ahlener Westfriedhofes. Die Geschichte ihres Lebens zu erzählen, fiel Marga Spiegel nicht immer leicht. „Es war schwierig zu erklären, warum so viele einfach weggeschaut haben, als Juden abtransportiert wurden“, sagte sie über ihre Erlebnisse als Zeitzeugin.

Auf Anregung des „Forum Brüderlichkeit“ zeichnete der Rat der Stadt Ahlen die an der Rettung der Familie Spiegel beteiligten Familien Aschoff, Pentrop, Sickmann, Silkenbömer und Südfeld im Jahre 2008 mit der Ehrenmedaille der Stadt aus. Für ihre Verdienste um den Dialog erhielt ebenso Marga Spiegel diese hohe Auszeichnung.

Meine Damen und Herren, ganz besonders freue ich mich, den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Münster unter uns begrüßen zu dürfen. Sie, lieber Herr Fehr, waren enger Wegbegleiter von Marga Spiegel und haben sie bis in ihre letzten Stunden umsorgt und betreut.
„Ich hatte das Glück im Leben, zwei Mütter zu haben. Meine eigene und eine idische  Mamme [so korrekt!] wie Marga Spiegel, seligen Angedenkens“, sagen Sie gerne in Erinnerung an das freundschaftliche Band, das Sie mit Marga Spiegel verbunden hat.

Heute noch hören Sie Margas Satz: „Die Erinnerung an die Schreckensjahre des Überlebens mit meiner kleinen Tochter, mit Menne, meinem Mann, in Verstecken bei westfälischen Bauern vor dem Zugriff der Nazis, wurde mir als Überlebende zu einer größeren Qual als das erinnerte Erlebnis selbst.“ Und dennoch bewahrte sich Marga ihre jüdisch verschmitzte humorvolle Seite ohne Groll und der Bereitschaft, neues Vertrauen, neue Freundschaften entstehen zu lassen.  Herzlichen Dank, dass Sie den Weg zu dieser Veranstaltung gefunden haben. Was Ausgrenzung und Diskriminierung heute bedeuten, das haben Sie, verehrter Herr Fehr, erst kürzlich ertragen müssen. 

Von einem vermeintlichen Ratsherrn in Münster mussten Sie sich im letzten Jahr den Vorwurf gefallen lassen, als Jude Deutschland zu verachten. Sie haben darauf stark gekontert und den Vorwurf als Polemik bezeichnet, „die an unterirdischem Nonsens wohl kaum zu überbieten“ sei.

Sehr geehrter Herr Fehr, ich möchte Ihnen im Namen aller Anwesenden und auch im Namen der Stadt Ahlen unsere Solidarität versichern. In Ahlen ist kein Platz für religiöse Ausgrenzung – und das sollte auch in Münster und überall auf der Welt so gelten. Anders als damals wollen wir heute nicht mehr wegschauen, wenn antisemitisch motiviertes Unrecht in unserem Umfeld geschieht.

Verehrte Damen und Herren, so ungern ich an den 6. Februar 1938 denke, so stolz macht mich die Erinnerung an den 6. Februar 2008.  Heute vor zehn Jahren sind in Ahlen die ersten Stolpersteine verlegt worden. Vorausgegangen war auf Anregung des Forums Brüderlichkeit ein entsprechender Beschluss des Rates der Stadt Ahlen vom 8. November 2007. Mit der Entscheidung, auch in Ahlen Stolpersteine zu verlegen, hat die Stadt ein Kapitel der Erinnerungskultur aufgeschlagen, das den ermordeten und überlebenden Opfern der Nazi-Diktatur ein Stück der ihnen geraubten Würde zurückgibt.

Dass wir heute in der 8. Verlegerunde den 104. Stolperstein als unübersehbares Zeichen der verantwortungsvollen Erinnerungskultur im Ahlener Straßenpflaster versenken können, ist Verdienst vieler Menschen.

Stellvertretend nennen möchte ich Hans-Werner Gummersbach, den früheren Leiter der VHS Ahlen, dessen umfangreiche Recherchearbeit Grundlage für dieses Projekt war. Ebenso danke ich Manfred Kehr, der in Archiven die biografischen Daten erforschte und die heutige Verlegung vorbereitet hat. Dem Forum Brüderlichkeit, den Ahlener Schulen, allen Schülerinnen und Schüler sowie interessierten und engagierten Bürgerinnen und Bürgern, die als Paten zum erfolgreichen Gelingen der Stolperstein-Idee beitragen, sei ebenfalls persönlich und im Namen der Stadt Ahlen ganz herzlich gedankt!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.