Ansprache zum Neujahrsempfang am 16. Januar 2018 in der Westfalenkaserne Ahlen

Foto: Gastgeber Bürgermeister Dr. Alexander Berger und Oberstleutnant Stefan Kribus (Foto: Christian Wolff)
Gastgeber Bürgermeister Dr. Alexander Berger und Oberstleutnant Stefan Kribus (Foto: Christian Wolff)

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Gäste des gemeinsamen Neujahrsempfangs!

Ich freue mich, dass Sie so zahlreich in die Westfalenkaserne gekommen sind, um das neue Jahr mit Herrn Oberstleutnant Kribus und mir zu begrüßen. Lassen Sie auch mich Ihnen allen sowie Ihren Familien ein gesundes und friedvolles Jahr 2018 wünschen.

Bevor ich gleich den zuvor gehörten Gedanken aus kommunaler Sicht einige Betrachtungen hinzufüge, danke ich Ihnen, sehr verehrter Herr Kommandeur, für Ihre freundliche Einladung und die wohl gewählten Worte. In Ihrer Liegenschaft den Empfang zum Neuen Jahr gemeinsam auszurichten, das ist für mich eine Herzenssache und Selbstverständlichkeit. Wir alle wissen um die Gründe, aus denen im letzten Jahr der Empfang unter vereintem Banner in der Stadthalle stattgefunden hat. Zum  sozusagen „Gegen-Empfang“ für dieses Jahr hatten wir uns voller Zuversicht und Optimismus eigentlich im schmucken Trio-Gebäude verabredet. Doch es sollte für das Bataillon auch in 2018 anders kommen.

Lieber Herr Kribus, Sie stemmen in der Westfalenkaserne erhebliche Investitionen, um den Standort für kommende Soldaten-Generationen zu ertüchtigen und damit den Ruf und das Ansehen der Stadt Ahlen als Garnisonsstadt von Rang zu festigen. Die ganz großen Projekte brauchen halt gelegentlich ihre Zeit, bis sie verwirklichgt sind. Es bohrt in einem, wenn prestigeträchtige Vorhaben nicht wie gewünscht und trotz aller sorgfältigen Vorbereitung von der Stelle kommen wollen. Sie dürfen mir Glauben schenken: Davon kann ich wie kaum ein anderer ein leidgeprüftes Lied singen.

Seien Sie sich aber auch gewiss: Die öffentliche Beurteilung, was Bundeswehr und Stadtverwaltung für die Gesellschaft leisten, richtet sich nicht nach dem Zielerreichungsgrad für die Fertigstellung irgendwelcher Gebäude. Das sind, ohne es kleinreden zu wollen, Details in einem großen Mosaik. Was wir für die Menschen tun, daran wollen wir uns messen lassen. Sei es im Einsatz draußen in der Welt unter höchster Gefahr für Leib und Leben, oder hier vor Ort im täglichen Dasein für das Wohlergehen der Bürgerinnen und Bürger. Ich freue mich, heute Abend mit Ihnen und unseren Gästen hier in der stilgerecht dekorierten Halle das neue Jahr begrüßen zu können! In einem Jahr machen wir dann wieder getrennte Sache, aber nur was den Empfang angeht.

Meine Damen und Herren, wenn wir hier zusammenkommen, um auf das neue Jahr anzustoßen, dann gehört dazu auch ein Blick auf die vergangenen zwölf Monate.

Die Stadt Ahlen befindet sich in einem rasanten Wandel. Die rege Bautätigkeit ist nicht allein in der Westfalenkaserne, sondern allerorten zu vernehmen und Stein werdender Beweis dafür, wie sehr auch Ahlen von der pulsierenden Konjunktur profitiert. Erst vor wenigen Tagen hat das Statistische Bundesamt für 2017 eine Steigerung des Bruttoinlandsproduktes um 2,2 Prozent errechnet. Das ist das stärkste Wachstum seit 2011. Es sind die Kauflust der Verbraucher, gestiegene Investitionen vieler Unternehmen und die boomende Weltwirtschaft, die die Nachfrage nach Produkten „Made in Germany“ – und bei aller Bescheidenheit auch „Made in Ahlen“ - ankurbelt. Die Aussichten für 2018 sind ebenfalls vielversprechend. Keine Wolke trübt den Sonnenschein, wenn es dem deutschen Team auch noch gelingt, im Sommer den Fußball-WM-Titel zu verteidigen, dann können wir wirklich zuversichtlich in die Zukunft blicken.

Die Arbeitsmarktbilanz 2017 meldet ebenso Rekordwerte bei der Erwerbstätigkeit und sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Zugleich haben wir so wenig Arbeitslose wie seit der Wiedervereinigung nicht. 2017 waren so wenig Menschen arbeitslos wie seit der Deutschen Einheit nicht: im Jahresdurchschnitt 2,53 Millionen Menschen – 158.000 oder sechs Prozent weniger als im Jahr zuvor. Man fragt sich: „Warum muss man eigentlich in einem Land mit solchen Strukturdaten zum Regieren getragen werden?“ Es wird Zeit, dass in Berlin endlich losgelegt wird und die Stärke mit voller Kraft genutzt wird!

Aber was uns zusammen freuen darf: Der Schwung dieser Entwicklungen hat auch Ahlen erfasst. Nach aktuellem Stand lag die Arbeitslosenquote für Ahlen im Dezember bei 9,0 Prozent. Das sind 1,5 Prozentpunkte weniger als noch vor zwei Jahren. Die positive Entwicklung bei der Beschäftigung setzt sich ebenso fort. Im Vergleich zum Vorjahr wuchs in 2017 die Zahl der Arbeitsplätze um mehr als beträchtliche 500, was einem Plus von 3,6 Prozent entspricht.

Die öffentlichen Haushalte profitieren von den guten Trends. Zwar können wir in Ahlen noch nicht die schwarze Null in den laufenden  Haushalt schreiben. Die Konsolidierung schreitet aber weiter voran, um in 2020 einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen. Gegenüber 2015 haben wir den Bestand an Kassenkrediten um mehr als 16 Millionen Euro zurückfahren können.

Verehrte Gäste, ich möchte Sie gar nicht mit weiteren Zahlen quälen. Es scheint mir aber nötig zu sein, einmal geballt darzustellen, welche erfreuliche Entwicklung Ahlen nimmt. Das gerät mir nämlich häufig in Vergessenheit bzw. wird als Normalzustand verstanden. Noch gar nicht so lange ist es her, dass unsere Stadt die Fesseln der Haushaltssicherung ablegte und immer in Gefahr war, ihre Handlungsfähigkeit zu verlieren. Ich möchte Ihnen einmal die wesentlichen Maßnahmen vorstellen, mit denen wir zurzeit einen nie dagewesenen Umbau unserer Stadt vorantreiben:
- 2018 tätigen wir den ersten Spatenstich für einen modernen kunden- und mitarbeiterfreundlichen Baubetriebshof,
- die Wohngebiete füllen sich bei anhaltender Nachfrage,
- Gewerbefläche werden händeringend von investitionsbereiten Unternehmern gesucht,
- Brachen verschwinden aus dem Stadtgebiet,
- Wohnquartiere für Senioren entstehen an allen Ecken der Stadt,
- der Marktplatz wird barrierefrei und einladender, 
- im Ahlener Südosten legen wir ein neues integriertes Handlungskonzept auf, von dem insbesondere das Umfeld der  Hansastraße profitieren wird,
- neue Kinderbetreuungseinrichtungen bereichern die vorhandenen Angebote,
- in der Rathausfrage darf nicht noch mehr Zeit verstreichen, in 2018 müssen Rat und Verwaltung zu einer verantwortungsvollen Antwort finden und eine Lösung auf den Weg bringen,
- die Verkehrsinfrastruktur der Innenstadt wird umgekrempelt. Fahrradfahrer und Autofahrer werden endlich auch baulich auf eine gleichberechtigte Stufe gehoben, so wie es zeitgemäße und auch noch Morgen gültige Mobilitätskonzepte verlangen,
- die Digitalisierung und Breitbandversorgung schreitet mit großen Schritten voran und passt sich den Bedürfnissen der gewerblichen, privaten und schulischen Nutzer an.

Zugleich unternehmen wir ungeahnte Anstrengungen, auch den Menschen, die nicht auf der Sonnenseite stehen, mit tatkräftiger Unterstützung zu einem selbstbestimmten Leben zu verhelfen. Trägerübergreifend qualifizieren wir in unserer Stadt nicht nur für den Arbeitsmarkt, sondern auch zu verantwortungsvoller Erziehung. Die Ahlener Präventionskette bündelt unter enormem Einsatz von Ideen und Ressourcen Angebote und Ansprechpartner, damit ein gelingendes Aufwachsen in unserer Gesellschaft für jeden Ahlener möglich ist.

Mit dem Auslaufen von Realschule und Geschwister-Scholl-Schule haben sich die Umwälzungen in der Ahlener Bildungslandschaft fortgesetzt. Wir nehmen die Wünsche von Eltern sehr ernst, die sich maximal geeignete Schulabschlüsse für ihre Kinder wünschen. Über neue bzw. erweiterte Schulformen werden wir insofern im neuen Jahr nachdenken müssen. Ich möchte, dass unsere Schulen Aushängeschilder im Kreis Warendorf sind.

Das gilt nicht weniger für die Zukunft der Schulsozialarbeit, über deren Fortführung wir im letzten Jahr eine intensive Diskussion geführt haben. Nach meinem Eindruck sind auch die letzten Zweifel an ihrer Sinnhaftigkeit endgültig ausgeräumt. Ich vertraue dem Land, dass es seine Verantwortung erkennt und wahrnimmt, um langfristig verbindliche Grundlagen und Planungssicherheit für Kommunen schafft.

An dieser Stelle danke ich ausdrücklich allen Institutionen, Einrichtungen, Vereinen und den dahinter stehenden Menschen für ihr hauptamtliches und auch im Ehrenamt gezeigtes Engagement. Ich bin fest davon überzeugt und Ihre Anwesenheit bestärkt mich: Man muss schon sehr genau suchen, um eine Stadt vergleichbarer Größe wie Ahlen zu finden, in der es einen so breiten Fächer an Beratungs-, Betreuungs- und Hilfsangeboten gibt. An dieser Stelle dürfen Sie sich gerne einmal selbst den Applaus spenden. Herzlichen Dank!

Meine Damen und Herren, der Jahresanfang ist die Zeit der guten Vorsätze und Wünsche.. Ich rede dabei gerne von dem „Paradoxon der Zufriedenheit“, das es aufzulösen gilt. Obwohl wir überwiegend mit unserer privaten, beruflichen und auch der allgemeinen Situation sowie der Arbeit unserer Institutionen sehr zufrieden sind, suchen wir nach dem Haar in der Suppe.

Läuft es rund oder entsteht Neues, dann betrachten wir das als den Normalzustand. Weicht aber etwas auch nur in Nuancen vom positiven Gesamtbild ab, wird dieses schnell dazu hergenommen, die ganze Sache zu schmälern und in ein negatives Bild zu rücken. Sie kennen die Beispiele: Taucht am Wegesrand ein überquellender Papierkorb auf, so sind viele schnell verleitet, ziemlich ungerechtfertigt von der ungepflegten Stadt zu sprechen. Fallen einzelne Soldaten durch Fehlverhalten auf, verehrter Herr Oberstleutnant, ist die Rede von „der Bundeswehr“, die ein Personalproblem hat – das Phänomen ist nach Belieben zu beobachten. Mehr Respekt, Achtung und Vertrauen hat unsere Stadt, haben unsere Institutionen und die kommunalen Akteure verdient.

Unser aller Anerkennung und Unterstützung verdienen auch und vor allem diejenigen, die sich uneigennützig um Menschen in Notlagen sorgen. Es kann nicht sein, dass sich Polizisten, Feuerwehrleute und Sanitäter – wie zuletzt an Silvester – teils dramatischen  Übergriffe erwehren müssen. Das ist für mich ein zivilisatorischer Dammbruch, den wir nicht hinnehmen dürfen.

Auch die Kameradinnen und Kameraden der Ahlener Feuerwehr mussten in der Nacht auf Neujahr Pöbeleien ertragen. „Das gehört aber zum alltäglichen Geschäft und ist ständiger Begleiter der Arbeit“, sagte mir anschließend der Wehrführer und Leiter der Hauptwache, Walter Wolf. Ich bin ehrlich und wüsste nicht, wie ich in einer solchen Situation reagieren würde. Verehrter Herr Wolf, im Namen aller Anwesenden möchte ich Ihnen stellvertretend für alle Kameradinnen und Kameraden in der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Ahlen den großen Dank für die umsichtige und disziplinierte, oftmals ohne Anerkennung auskommende Pflichterfüllung in ungezählten Einsätzen aussprechen. Sie leisten Hilfe ohne Ansehen der Person, und zwar auch jenen, die Ihnen den fälligen Respekt schuldig bleiben.

Einbeziehen in den Dank möchte ich ebenso die Polizistinnen und Polizisten, die auf den Straßen des Landes ihren Dienst für unsere Sicherheit versehen. Genauso die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer in den Hilfsorganisationen wie beim DRK, bei den Maltesern, im ASB oder im THW. Gedankt sei allen Menschen, die im Ehrenamt Dienste an Ihren Nächsten leisten.

Nicht vergessen will ich zum Schluss die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr. In Mali und Afghanistan halten auch Frauen und Männer aus der Ahlener Westfalenkaserne ihren Kopf hin für Menschen, deren größte Sehnsucht es ist, nach unserem Vorbild in Frieden und Wohlstand zu leben. Deutschland tut gut daran, sich in Weltgegenden zu engagieren, die nach Stabilität und Sicherheit streben. Kaum ein Land zieht aus dem Welthandel so großen Nutzen wie die Bundesrepublik. Es ist geradezu unsere moralische Verpflichtung, nicht verschämt wegzuschauen und Krisengebiete sich selbst zu überlassen. 

Instrument des Parlaments sind hierzu unsere Soldatinnen und Soldaten im Heer, bei Luftwaffe und Marine sowie in der Streitkräftebasis. Wer sie für ihren aufopferungsvoll gefährlichen Dienst aus falsch verstandenem Pazifismus schmäht, sollte sich immer vor Augen führen, wem die Deutschen vor 70 Jahren die Befreiung vom Nationalsozialismus zu verdanken hatten. Von der Selbstbefreiung berichten die Geschichtsbücher nicht: Ausländische Soldaten brachten uns unter Einsatz und millionenfachen Verlusts ihres Lebens die Freiheit, in der unser heutiges Gemeinwesen blüht. Wir sind als Gesellschaft verpflichtet, davon etwas in die Welt zurückzugeben.

Meine Damen und Herren, nicht mit der Waffe in der Hand, sondern – sozusagen - mit der Waffel auf der Hand lebt das Ideal der globalen Solidarität seit nunmehr 35 Jahren der Weltladen in Ahlen. Mit Kaffee aus Nicaragua, Getreide aus Bolivien, Tee und Kakao aus Afrika und Asien hat der damals noch „Dritte-Welt-Laden“ nicht nur die Ahlener Einkaufsregale um exotische Produkte erweitert, sondern auch zum respektvollen Dialog zwischen nördlicher und südlicher Hemisphäre beigetragen. Es ist mir eine große Ehre, seine Repräsentantinnen später auszeichnen zu dürfen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, noch einmal möchte ich Ihnen für Ihr Wirken zum Wohle unserer Stadt und unserer Bürger aus tiefstem Herzen meinen Dank aussprechen. Bleiben Sie dort, wo Sie Verantwortung tragen, unserer Stadt treu verbunden! Sei es in den Parlamenten, im Rat der Stadt Ahlen, in den Behörden, Vereinen oder Verbänden. Arbeiten Sie bitte weiter mit daran, dass Ahlen eine moderne, liberale und vielfältige Stadt bleibt, in der alle Generationen und Kulturen sich wohlfühlen.

Eine offene Gesellschaft ist dann geglückt, wenn es gelingt, einander wirklich zuzuhören. Dieser Empfehlung sollten wir folgen und können damit heute Abend schon beginnen. Ich wünsche Ihnen gleich gute Gespräche und einen schönen Abend.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.