Gedenkveranstaltung zum 27. Januar in der Aula des Städtischen Gymnasiums am 26. Januar 2018

Foto: Schweigeminute am Städtischen Gymnasium. Den Kranz legten nieder (v.l.) John Gasse, Dr. Alexander Berger, Luis Pollmüller.
Schweigeminute am Städtischen Gymnasium. Den Kranz legten nieder (v.l.) John Gasse, Dr. Alexander Berger, Luis Pollmüller.

Verehrte Frau Frankenthal, sehr geehrter Herr Thiemann,
liebe Schülerinnen und Schüler, verehrte Lehrerinnen und Lehrer.

So wie wir alljährlich aus Anlass des Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz hier zusammenkommen, so gedenken wir auch am 9. November – dem Jahrestag der Pogromnacht von 1938 – öffentlich am Mahnmal für die verfolgten und ermordeten Juden aus unserer Stadt. Treue Teilnehmerin dieses Gedenkens ist Ruth Frankenthal, Vorsitzende der Gesellschaft für jüdisch-christliche Zusammenarbeit in Münster. Wir dürfen Ihnen gleich noch zuhören, verehrte Frau Frankenthal, worauf ich jetzt schon sehr gespannt bin.

Es gehört schon zur traurigen Tradition Ihrer Rede in der Klosterstraße, dass Sie dabei auf die antisemitischen Vorfälle eingehen, die sich in den jeweils letzten 12 Monaten ereignet haben. Gegenwart und Erinnerung verbinden sich zu einer aufrüttelnden Mahnung, die uns unverhohlen erkennen lässt: Die Saat des Bösen gedeiht auch heute noch weiter. Obwohl seit der Befreiung von Auschwitz 73 Jahre ins Land gegangen sind, müssen Juden in Deutschland sich auch heute noch gegen Ausgrenzung und Diskriminierung erwehren.

Trotz aller politischen und schulischen Bildung, entgegen aller gesellschaftlichen Aufklärung versuchen bestimmte Kreise noch immer, aus Deutschsein und Jüdischsein einen unvereinbaren Gegensatz zu konstruieren. Juden müssen heute die Erfahrung machen, dass sie nicht dazu gehören sollen. Und das passiert nicht irgendwo, sondern auch bei uns im Münsterland.

Sharon Fehr, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Münster, ist jüngst von einem sogenannten vermeintlichen Ratsherrn in Münster mit den Worten angegriffen worden: „Wahrscheinlich genießen Sie den schleichenden Verfall des Landes, welches Sie verachten.“ Voraus ging Sharon Fehrs Kritik an der Äußerung einer Vertreterin einer sogenannten Partei, in der Flüchtlinge als „barbarische, muslimische, gruppenvergewaltigende Männerhorden“ pauschal diffamiert worden waren. Die perfide Art, wie diese sogenannte Ratsgruppe in Münster semantisch zwischen „unserem deutschen Vaterland“ einerseits und „Ihrem“ andererseits unterscheidet, zeige das Staats- und Politikverständnis des rechten Randes, so Fehr.

Dass ihm dann auch noch eine „Verachtung“ Deutschlands vorgeworfen wird, sei Zitat „an unterirdischem Nonsens wohl kaum zu überbieten.“ Durch die Zunahme des Antisemitismus seien die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Münster höchst verunsichert. Die allermeisten legten großen Wert darauf, sich außerhalb des Jüdischen Gemeindezentrums Zitat „jüdisch neutral“ zu verhalten. Ebenso warnte Josef Schuster, amtierender Vorsitzender des Zentralrats der Juden, vor dem Anwachsen des Antisemitismus in Deutschland. Für einige Bezirke von Großstädten würde er „empfehlen, sich nicht als Jude zu erkennen zu geben.“

Liebe Anwesende, unsere Veranstaltung steht unter dem Motto „Die Erinnerung darf nicht enden“. Wir wollen uns erinnern: Daran, dass diese unerträglichen Anfeindungen, mit denen nicht nur die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Münster leben müssen, uns Demokraten einen kalten Schauer über den Rücken laufen lassen. Wir erleben eine höchst gefährliche und kontinuierliche Linie, die von den ausgrenzenden nationalsozialistischen Rassegesetzen von 1935 bis heute reicht. Mit Bitterkeit erkennen wir, dass das Gedankengut des nationalsozialistischen Unrechtsstaates noch immer in den Köpfen einiger spukt.

Ich erinnere: Im letzten Jahr haben wir uns hier empört über die furchtbare Bezeichnung des Berliner Denkmals für die ermordeten Juden Europas als „Denkmal der Schande“. Der Urheber dieser Schmähung ist in eigenen Reihen voll rehabilitiert, das eingeleitete Ausschlussverfahren klammheimlich und ohne viel Aufhebens ad acta gelegt. Das spricht für sich.

Wenn Menschen jüdischen Glaubens nicht mehr ungefährdet Davidstern oder Kippa tragen können, dann spricht das auch für sich und für ein beunruhigendes Gesamtklima in Deutschland. Ich wünschte mir auf alle Formen des Alltags-Antisemitismus eine deutlich stärkere Reaktion und Solidarisierung in der Öffentlichkeit.

Die frühere Vorsitzende des Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch, kommt zu einer nüchternen Feststellung: „Deutschland hat sich nie wirklich mit jüdischem Leben befasst, wir werden einfach nicht als Teil des ganz normalen Lebens betrachtet.“ Eine resignierende Quintessenz, über die wir alle einmal selbstkritisch nachdenken sollten.
Und doch gibt es auch Hoffnung, wenn ich abschließend noch einmal Sharon Fehr zitiere: „Wir erleben durch die breite Solidarität in Münster, dass wir bei der Konfrontation nicht alleingelassen werden. Es nimmt Ängste und verleiht die objektiv ungewisse Zukunftshoffnung, als jüdische Bürger nicht doch eines Tages ans Kofferpacken denken zu müssen.“

Verehrte Anwesende, einen erheblichen Beitrag dazu, dass die Erinnerung nicht enden darf, leisten auch die vorzügliche Erinnerungsarbeit der Schulen in Ahlen. Ich darf Ihnen heute schon eine Einladung aussprechen für den 6. Februar. In anderthalb Wochen werden wir dann u. a. für Marga, Siegmund und Karin Spiegel Stolpersteine an der Ostbredenstraße verlegen. Ich würde mich sehr freuen, viele von Ihnen begrüßen zu dürfen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.