Gedenken und Erinnerung an einen ermordeten Jugendlichen

Heinrich Selbach wurde nur 16 Jahre alt. Zeitlebens wohnte er in Heimen, bevor er 1941 von den Nazis ermordet wurde. An sein Schicksal erinnert jetzt ein Stolperstein, der vor dem Wohnheim St. Vinzenz am Stadtpark an der Kampstraße verlegt worden ist.

„Wir wissen nur wenig über ihn“, sagt Manfred Kehr von der Stadt Ahlen, der in Archiven über die aus Ahlen stammenden Opfer der NS-Euthanasie geforscht hat. Selbach war ein achtjähriges Kind, als er am 5. April 1933, gut zwei Monate nach der Machtergreifung Hitlers, Ahlen verließ und nach Marsberg in die dortige Heilanstalt verzog. „Möglicherweise geschah das noch in der guten Absicht, ihm zu helfen“, mutmaßt Kehr. Erst ab 1934 galten die sogenannten rassenhygienischen Vorschriften, die Kranke und Behinderte in Deutschland zu „lebensunwerten“ Menschen abstempelten und der Verfolgung und Ermordung preisgaben.

Von Marsberg aus führte Heinrich Selbachs Weg acht Jahre später direkt in den Tod. Am 31. Juli 1941 wurde er in die berüchtigte Anstalt Hadamar gebracht, wo er noch am selben Tag getötet wurde. Manfred Lechtenberg bezeichnet es als eine besondere Fügung, dass dort, wo sich heute eine Einrichtung für behinderte und chronisch psychisch kranke Menschen befindet, ein Euthanasie-Opfer lebte. „Hier treffen sich zwei so unterschiedliche Lebensgeschichten“, stellte der Leiter der Wohneinrichtung fest. Zum einen das Leben und der gewaltsame Tod Selbachs und heute das Leben behinderter und psychisch kranker Menschen mitten in der Stadt Ahlen. Anders als vor 80 Jahren gebe es heute eine große Offenheit für das Miteinander mit Menschen mit Behinderung. Dafür gelte es einzustehen, „damit das Leben für alle Menschen lebenswert, bunt und lebendig bleibt.“ Für den Erinnerungsstein an Heinrich Selbach hat das St. Vinzenz am Stadtpark die Patenschaft übernommen.

Heinrich Selbach lebte vermutlich bis 1933 in einem Wohnhaus an der Kampstraße, in dem 1848 der „Vincenz-Verein“ gegründet worden war. 1863 wurde am selben Platz ein eigenes Hospital gebaut, das 1908 erweitert wurde und in dem Kranke, Alte und Waisen gepflegt wurden. In Ahlen erinnern zurzeit 22 Stolpersteine an Menschen, die von den nationalsozialistischen Machthabern wegen psychischer Erkrankungen und Behinderungen gewaltsam aus dem Leben gerissen worden sind. 

Foto: Erinnerung an Heinrich Selbach

Erinnerung an Heinrich Selbach


Foto: Zusammen mit Bewohnern erinnerte Manfred Lechtenberg an Leben und Sterben von Heinrich Selbach.

Zusammen mit Bewohnern erinnerte Manfred Lechtenberg an Leben und Sterben von Heinrich Selbach.


Foto: Manfred Kehr (l.) hat die Schicksale von Opfern der NS-Euthanasie aus Ahlen aufgearbeitet.

Manfred Kehr (l.) hat die Schicksale von Opfern der NS-Euthanasie aus Ahlen aufgearbeitet.


Foto: Dirk Schumacher von den Ahlener Umweltbetrieben verlegte den 126. Ahlener Stolperstein an der Kampstraße.

Dirk Schumacher von den Ahlener Umweltbetrieben verlegte den 126. Ahlener Stolperstein an der Kampstraße.