Seit 60 Jahren finden Menschen aus der Türkei Heimat in Ahlen

Sie kamen mit der Bahn, dem Flugzeug, und manche mit dem Auto. So verschieden die Wege waren, die die ersten Arbeitsmigranten vor 60 Jahren nach Deutschland führten, so unterschiedlich sind auch die Lebensgeschichten. Bürgermeister Dr. Alexander Berger und sein Stellvertreter Serhat Ulusoy begrüßten jetzt fünf türkischstämmige Ahlenerinnen und Ahlener im Rathaus, die sich mit den Stadtspitzen über ihre persönliche Zuwanderungsgeschichte austauschten.

Anlass war der Jahrestag des Anwerbeabkommens, das 1961 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei geschlossen worden war, um Arbeitnehmer für die westdeutsche Industrie zu gewinnen. Viele fanden Arbeit und eine neue Heimat in Ahlen. Die Zeche Westfalen lockte mit Arbeit und gutem Einkommen.  

„Jetzt oder gar nicht mehr“, musste sich Betriebselektriker Necmi Kayacan auf der deutschen Arbeitsvermittlungsstelle in Istanbul 1970 sagen lassen. Keine Nacht Bedenkzeit habe man ihm gelassen, so dass er schon zwei Tage später mit gepackten Koffern auf dem Flughafen München zum ersten Mal deutschen Boden betrat. Über Aachen gelangte er nach Ahlen, zunächst in eine sehr schlichte Großunterkunft an der Bergamtsstraße. „So bitte nicht“, habe er den Verantwortlichen des Eschweiler Bergwerkvereins zu verstehen gegeben, der seinerzeit die Zeche Westfalen betrieben hat. Sein Protest fruchtete. Schnell durfte er ein eigenes Zimmer beziehen, nach weiteren drei Wochen die erste Wohnung. Sich durchzusetzen habe er schnell gelernt in der neuen Umgebung. Nach Deutschland überzusiedeln habe seinen Grund gehabt in Träumen, wie sie junge Menschen auf der ganzen Welt hegen. „Ich habe Freunde gehabt, die in deutschen Stahlwerken arbeiteten und schon nach sechs Monaten mit neuem Auto zu Besuch kamen, das wollte ich natürlich auch.“ Endgültig zurückgekehrt sind er, seine Ehefrau und die beiden Kinder nie. „Mein Mann wollte nach der Rente zurück, da habe ich gesagt: nein!“ Fatma Kayacan sagt, sie habe ihre schönsten Lebensjahre in Ahlen verbracht. Hier sei nun ihre Heimat und das solle auch so bleiben.

Im ostanatolischen Erzurum lebte Halit Celebi, als er sich entschloss, sein Glück in Deutschland zu suchen. Am Anfang stand eine beschwerliche zweitägige Zugfahrt nach Ankara, wo die Tauglichkeit der Bewerber festgestellt wurde. „Wer nur einen kaputten Zahn hatte, konnte gleich wieder zurückfahren“, beschreibt Celebi die hohen Anforderungen. Er gehörte zu den Glücklichen, die alle Tests bestanden haben. Als einer von 35 Bergbauschülern landete er schließlich 1965 auf der Zeche Duisburg-Walsum. Wenig später zog seine Ehefrau Züleyha nach, die, für die damalige Zeit nicht selbstverständlich, bei Siemens einer Beschäftigung nachging. Integration war in den 1960er-Jahren kein großes Thema. „Wir hatten nur ein Wörterbuch zur Verständigung, Sprachkurse gab es keine“, beschreibt sie, wie mühevoll der Start in fremder Umgebung war. Als Hausfrau und Mutter hielt sie den Familienbetrieb am Laufen. Drei Kinder kamen zur Welt, während Halit Celebi sich beruflich qualifizierte und zuletzt als Diplom-Ingenieur im Übertagebetrieb auf „Westfalen“ tätig war. Das Angebot, als Dozent auf der Bergbauakademie in Zonguldak anzufangen, hätte Celebi gerne angenommen. Hätte nicht auch in diesem Fall die Ehefrau ihr Veto eingelegt und für den Verbleib in Deutschland gestimmt. „Unsere Kinder hätten sich in einem ganz neuen Umfeld zurechtfinden müssen, das wollte ich nicht.“ So blieb Ahlen für die ganze Familie der heimatliche Bezugspunkt.

Es gebe wohl keinen türkischstämmigen Menschen, der nicht die Hin- und Hergezogenheit zwischen beiden Welten kenne, meint Birsen Budumlu. Gerade in der ersten Zeit der Migrationsbewegung habe es nicht die heutige Fülle an türkischen Speisen und Kulturangeboten gegeben wie heute. Das habe die Sehnsucht sehr verstärkt. Ihr sei über die Jahrzehnte Deutschland zum Mutterland und die Türkei zum Vaterland geworden. Ein praktischer Kompromiss, wie ihn wohl viele ihrer Altersgenossen insgeheim für sich geschlossen haben. Birsen Budumlu, die 2019 für ihre Verdienste um die Integration mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden ist, kam 1973 nach Deutschland. „Mit dem letzten Zug, bevor der Anwerbestopp begann“, erinnert sie sich. Nach dem tragischen Tod ihres kleinen Sohnes empfand sie die Emigration nach Deutschland auch als Chance, aus einem emotionalen Tief zu entkommen.  Über einen Umweg über den Odenwald fand die junge Lehrerin den Weg an die Diesterwegschule, wo Personal für türkisch-muttersprachlichen Unterricht sowie Islamische Unterweisung in deutscher Sprache gesucht wurde. Außerhalb der Diesterwegschule begleitete sie diverse schulunabhängige Projekte, unter anderem bei der AWO, „Aktif im Alter“, Interkulturelles Nachbarschaftscafé, Lunch Club oder den Vorlesepaten der Stadtbücherei.

Serhat Ulusoy spricht von einer „natürlichen Integration“, die 3000 Kilometer von der ursprünglichen Heimat entfernt in Ahlen stattgefunden habe. Stellvertretend für diese Geschichten würden die Gäste stehen, die seiner und der Einladung Bergers gefolgt seien. Für beide wandte sich der Bürgermeister an die Zeitzeugen: „Wir möchten danke sagen, dass Sie Deutschland treu geblieben sind.“

Foto: Über Ahlener Geschichten aus sechs Jahrzehnten Zuwanderung unterhielten sich: v.l. Necmi und Fatma Kayacan, Serhat Ulusoy, Birsen Budumlu, Dr. Alexander Berger, Züleyha und Halit Celebi.

Über Ahlener Geschichten aus sechs Jahrzehnten Zuwanderung unterhielten sich: v.l. Necmi und Fatma Kayacan, Serhat Ulusoy, Birsen Budumlu, Dr. Alexander Berger, Züleyha und Halit Celebi.