Stolpersteine geben NS-Opfern Würde zurück

„125 Mark sind die Ausgaben für ein gesundes deutsches Schulkind. Um wie viel Prozent teurer kommt dem deutschen Volk ein Geisteskranker oder Krüppel?" – So lautete eine Schulbuch-Rechenaufgabe in der Zeit des Nationalsozialismus.

Erinnert haben an die Verfolgung und Tötung als lebensunwert geltender Menschen mit Krankheiten und Behinderungen Schülerinnen und Schüler der Fritz-Winter-Gesamtschule, des Berufskollegs St. Michael und des Städtischen Gymnasiums anlässlich der Stolpersteinverlegung für 22 Ahlener Opfer der NS-Euthanasie.

Unter ihnen war auch Klemens Wiese, ein 1885 in Ahlen geborener Fabrikarbeiter. Wiese lebte zuletzt an der Anschrift Rottmannstraße 11 – dort befindet sich nun ein unter großer öffentlicher Anteilnahme vom Kölner Künstler Gunter Demnig am Freitagvormittag verlegter Mahn- und Gedenkstein im Straßenpflaster. Als manisch depressiv geltend war Wiese nach einem Suizidversuch 1943 in die Provinzialheilanstalt Gütersloh, das heutige LWL-Klinikum für Psychiatrie, eingeliefert worden. Mehr als eintausend Patientinnen und Patienten wurden Opfer der von dort erfolgten sogenannten Euthanasie-Verlegungen. Sein Leidensweg führte von Gütersloh in die Gauheilanstalt Tiegenhof bei Gnesen/Posen, in der über 3500 Menschen durch Vergasung, Medikamente, Hunger, Kälte und katastrophale hygienische Verhältnisse den Tod fanden.

Wieses Schwiegertochter Elisabeth sowie Enkelin Michaela reisten zur Stolpersteinverlegung aus Niedersachsen bzw. Baden-Württemberg nach Ahlen. Mit der Verlegung erhalte ihr Großvater ein Stück seiner Würde zurück, sagte Michaela Wiese, die mit einem Schreiben an Bürgermeister Dr. Alexander Berger auf das Schicksal ihres Vorfahren hingewiesen hatte. Manfred Kehr von der Stadt Ahlen recherchierte daraufhin die Namen und letzten Anschriften von 28 Menschen, die in die Tötungsanstalten des sogenannten „Dritten Reichs“ eingeliefert worden waren. 25 von ihnen kamen ums Leben. Die Geschichte dieser Mordopfer galt in Ahlen bislang als kaum bekannt.

Bürgermeister Berger erinnerte vor den rund 100 Teilnehmern der Verlegung an das Grundgesetz, das als Lehre aus den Verbrechen allen Menschen ungeachtet ihrer Rasse, ihres Geschlechts und ihrer gesundheitlichen Verfassung die unantastbare Würde garantiere. „Menschen mit besonderem Fürsorgebedarf gehören nicht an den Rand, sondern in die Mitte Gesellschaft“, forderte Berger allen Menschen die volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

Dass es heute in Ahlen „eine wirklich große Offenheit für das Miteinander mit Menschen mit Behinderungen gibt“, bestätigte Manfred Lechtenberg. Der Leiter des Wohnheims St. Vinzenz am Stadtpark merke und höre das immer wieder. „Ob beim Friseur oder im Café, behinderte Menschen haben einen guten und festen Platz in dieser Stadt.“ Angehörige des Bewohnerbeirats nahmen an der Verlegung ebenfalls teil. In Kürze wird ein Stolperstein vor der Wohneinrichtung an der Kampstraße verlegt. Auf dem Gelände lebte Heinrich Selbach, der 1933 im Alter von nur acht Jahren in die Heilanstalt Marsberg eingewiesen worden war. 1941 erfolgte seine Verlegung in die berüchtigte Anstalt Hadamar, wo er noch im selben Jahr im Zuge der „Aktion T4“ ermordet wurde.

Für den Beirat für behinderte Menschen der Stadt Ahlen dankte Vorsitzender Friedel Passmann, dass mit der jüngsten Stolpersteinverlegung derer gedacht werde, die von den Nazis wegen Krankheit und Behinderung ermordet wurden. „Wir müssen dafür eintreten, dass es nie wieder Nationalsozialismus gibt. Der Rassismus in Deutschland darf kein Nährboden finden, denn wir sind alle Menschen, Migranten, Juden, Kranke und behinderte Menschen.“ Passmann erinnerte an das Schicksal eines Menschen, von dem ihm seine Mutter schon als Kind erzählt habe. Aus Furcht vor Verfolgung sei auf der Rottmannstraße ein kleinwüchsiger Mann im Keller versteckt worden. „So hat er die Nazizeit überlebt, Gott sei Dank.“

Foto: Angehörige von Klemens Wiese kamen nach Ahlen: (v.l.) Manfred Kehr, Elisabeth Wiese, Dr. Alexander Berger, Michaela Wiese, Manfred Lechtenberg, davor kniend Gunter Demnig

Angehörige von Klemens Wiese kamen nach Ahlen: (v.l.) Manfred Kehr, Elisabeth Wiese, Dr. Alexander Berger, Michaela Wiese, Manfred Lechtenberg, davor kniend Gunter Demnig


Foto: Schülerinnen und Schüler berichteten über die Hintergründe der NS-Euthanasie.

Schülerinnen und Schüler berichteten über die Hintergründe der NS-Euthanasie.


Foto: Stolperstein für Klemens Wiese

Stolperstein für Klemens Wiese


Foto: Friedel Passmann (r.) wandte sich an die Teilnehmer.

Friedel Passmann (r.) wandte sich an die Teilnehmer.


Foto: Rund 100 Personen fanden den Weg zur Rottmannstraße 11.

Rund 100 Personen fanden den Weg zur Rottmannstraße 11.