Rede vom Vorsitzenden des Freundeskreis Ahlener Soldaten e.V., Rolf Kersting, im Rahmen der Einweihung der gemeinsamen Gedenkstätte für Dr. Paul Rosenbaum und Sidney Hinds am 30. September 2013

„Wir sind in diesem Krieg 'Kenner von Ruinen' geworden“, schreibt Ende März 1945 ein englischer Kriegsberichterstatter unmittelbar nach der Eroberung des Münsterlandes durch alllierte Truppen. Fassungslos hält er weiter in Worten fest: „Wir haben unterscheiden gelernt zwischen den Ruinen durch Bomben und denen durch Granatwirkung, Brand oder Explosion. Aber in England haben wir niemals eine Stadt gesehen, die ausgelöscht, vollständig abgeschrieben und aufgegeben wurde. Einen Ort – so leer wie Pompeji, der von einem zum anderen Ende den bitteren Gestank einer Müllkippe hat und in dem das einzige Geräusch das Tropfen des Wassers von den Ruinen ist...“ Diese Beschreibung galt dem Trümmermeer von Dülmen, einer Stadt, die Ende März 1945 zu 93 Prozent in Schutt und Asche gelegt wurde. Kaum besser erging es bei der Eroberung des Münsterlandes durch alliierte Truppen weiteren Städten wie Borken, Ochtrup, Ahaus, Emsdetten, Bocholt, Stadtlohn und auch Münster.

Dieses fürchterliche Schicksal ist Ahlen und seiner Bevölkerung in der Endphase dieses fürchterlichen Krieges gottlob erspart geblieben. Dem Mut zweier Männer, die mit ihrem militärischen Auftrag auf verschiedenen Seiten standen, deren beiderseitige christliche Grundprägung aber in einem kleinen schicksalhaften Zeitfenster die entscheidende Wende und friedliche Einnahme Ahlens herbeiführte, ist zu verdanken, dass nicht eine gewaltige Feuerwalze aus Stahl und Eisen auch über diese Stadt hereinbrach. Der Lazarettchef, Oberfeldarzt Dr. Rosenbaum und der amerikanische Abschnittskommandeur, Colonel Sidney Hinds, verhalfen im gegenseitigen Vertrauen der Menschlichkeit und nicht den Waffen zum Sieg. „Die erste offene Stadt in Deutschland“, so meldeten die Nachrichtenagenturen am Tag danach europaweit. Eine Schlagzeile über einem schicksalhaften Ereignis, das  bei so manchen Rückschauen in jene dunkle Zeit leider immer mehr zu verblassen droht.

Jene Geschehnisse, wie sie sich Ende März 1945 kurz vor dem Osterfest vor den Toren und in dieser Stadt zutrugen, sollten auch deshalb in Erinnerung gehalten werden, um jenen Kräften Paroli zu bieten, die eine zerstörerische und menschenverachtende braune Diktatur auch nahezu 70 Jahre nach deren Untergang unter Verfälschung grauenhafter Tatsachen wieder laut skandierend aufzupolieren bemüht sind. Auch vor solchem Hintergrund bekommt diese Gedenkstätte zusätzliche Bedeutung. Wird doch ab heute das außerordentlich mutige Handeln von Oberst Sidney Hinds und Oberfeldarzt Dr. Rosenbaum an zentraler historischer Stelle in Erinnerung gerufen und mit diesem vereinigenden Gedenken allen radikalen Kräften in dieser Stadt ein Zeichen für Humanität und Vernunft gegen politische Verblendung, Gewalt und blinde Agitation ins Blickfeld gerückt. – Dass dem Antrag des „Freundeskreises Ahlener Soldaten“ entsprochen wurde, dafür sei den zuständigen Fachausschüssen, dem Rat der Stadt und der Stadtverwaltung herzlich gedankt.

Etwa 25 Jahre nach Ende des Krieges wurde das zwischen Ostbredenstraße, Hansaplatz  und Em.-von-Ketteler-Straße gelegene Freigelände nach einem Grundstückstausch zwischen der Stadt und der Fa. Kaldewei in Dr. Rosenbaum-Platz umbenannt. Anfang der 70-er Jahre ließ man durch den Künstler Robert Paulmichel ein Bronze-Relief als Denkmal für den „Retter von Ahlen“ anfertigen. Es wurde im Beisein von Familienangehörigen Dr. Rosenbaums, ehemaligen engsten Mitarbeitern des Lazarettleiters sowie Repräsentanten der Stadt und des Künstlers 1974 eingeweiht.

Am 31. März 2001 wurde auch ein Gedenkstein, der an Colonel Sidney Hinds als den „Befreier Ahlens“ erinnert, in den Grünanlagen des Bahnhofsvorplatzes aufgestellt, der gleichzeitig den Namen „Sidney Hinds-Park“ erhielt. An der Einweihung nahmen u.a. Angehörige der amerikanischen Botschaft und Offiziere aus der Führung der US-Streitkräfte in der Bundesrepublik Deutschland teil. Hinweisschilder werden nach dem Willen des Rates an den genannten Orten weiterhin jeweils die Namen der beiden Männer tragen.

Die Bedeutung der 1972 eingeweihten Rosenbaum-Gedenkstätte am Rande des weitflächigen und die meiste Zeit eines Jahres ungenutzten Platzes  rückte jedoch im Laufe der Jahrzehnte immer mehr in den Hintergrund.

Ihre Bedeutung ist kaum noch jemandem – nicht einmal im unmittelbaren Umfeld – bekannt. Das  inzwischen für eine dreitägige „Neue Ahlener Woche“ wiederentdeckte Areal entfernte sich im Laufe der Zeit immer weiter von ursprünglichen Wirtschaftsförderungsplänen der  damals  verantwortlichen Stadtväter. Damit wuchs natürlich auch das Schattendasein der Gedenkstätte, die an dieser Stelle dem Arzt Dr. Paul Rosenbaum als „Retter der Stadt“ gewidmet und nicht als Fahrradständer, als Abstellgelegenheit für Wohnwagen-Gerätschaften und sogar als Urinal sowie als „wilde Müllkippe“ geschaffen worden war. Auch Schmierereien mussten schon häufiger mühsam wieder beseitigt werden. Zusammenfassend stellen wir fest: Dieses Ehrenmal fristete an jener Stelle mehr und mehr ein Schattendasein. Es wurde seiner inhaltlichen Bedeutung und Erinnerung an den „Retter Ahlens“ wie auch seiner humanitären Botschaft dort nicht mehr gerecht.

Tausenden von Verwundeten (zuletzt lt. Aussage der früheren Sekretärin von Dr. Rosenbaum, Käthe Kalan, rd. 4 000 an der Zahl) in den Lazaretten der Stadt und unzähligen Bewohnern wurde durch die kampflose Übergabe Ahlens Tod und großes Leid erspart. Auch die Zerstörung großflächiger Wohn- und Industriegebiete sowie öffentlicher Gebäude, wovon in umliegenden Städten des Münsterlandes und Ruhrgebietes noch etliche Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges weite Trümmerlandschaften zeugten, konnte abgewendet werden.

Gegen den Widerstand der Parteispitzen des NS-Regimes, nach zähen Verhandlungen mit den deutschen Heereskommandeuren und insbesondere heftigen  Auseinandersetzungen mit dem NSDAP-Kreisleiter Wemhöner erklärte der mutige Arzt Ahlen zur Lazarettstadt. Beim Anrücken der Amerikaner am Karsamstag, 31. März 1945, fuhr er den US-Streikräften auf eigene Initiative mit einer weißen Fahne entgegen. Bomber, mehr als 40 Batterien verschiedener Artillerie-Kaliber, rund 2000 Panzer und tausende von amerikanischen Soldaten der 2. US-Panzerdivision standen in Bereitschaft, um Ahlen wie zuvor mehrere  andere münsterländische Städte dem Erdboden gleichzumachen. Das jedenfalls war der Befehl für den an diesem Frontabschnitt verantwortlichen Kommandeur, Colonel Sidney Hinds. Durch Vermittlungen der US-Botschaft in Bonn hatte ich vor dem Osterfest 1985 die Ehre, mit ihm als dem „Befreier“ Ahlens per Telefon über die zu jener Zeit 40 Jahre zurückliegenden Geschehnisse zu sprechen. Anhand seiner Tagebuchaufzeichnungen erinnerte sich der damals 85-jährige General in seinem Wohnort San Antonio in Texas an die dramatischen Geschehnisse vor den Toren jenes Ortes im Münsterland, der als „1. offene Stadt“ in die Geschichte der letzten Kriegsgeschehnisse eingehen sollte. Als eine der letzten Nahtstellen zur Schließung des sogenannten „Ruhrkessels“ mit rund 325 000 eingeschlossenen deutschen Soldaten nahm die schnelle Einnahme von Ahlen, Beckum und Lippstadt eine herausragende Schlüsselstellung in den Plänen der alliierten Streitkräfte ein. Bei geringstem Widerstand sollte auch Ahlen ohne zu zögern dem Erdboden gleichgemacht werden, lautete der Auftrag für Hinds.

Einige Male stand das Schicksal Ahlens auf des Messers Schneide, als die anrückenden US-Truppen aus Richtung Hamm unter den Beschuss  versprengter deutscher Einheiten gerieten und eine Falle der Ahlener vermutet wurde. - Doch dem Ahlener Lazarett-Leiter, Oberfeldarzt Dr. Rosenbaum, gelang es auf der Fahrt im Jeep des Amerikaners immer wieder, den Kommandeur des Einsatzkommandos „B“ der 2. US-Panzerdivision vom Wahrheitsgehalt seiner Worte zu überzeugen,  als er ihm mit der weißen Fahne in der Hand am alten Mühlenstumpf bei Walstedde entgegentrat und bat: „Im Namen Gottes, der Barmherzigkeit und Menschlichkeit – verschonen Sie diese Stadt mit ihren vielen tausend Verwundeten und Einwohnern.“ Diesen Satz hatte auch Sidney Hinds in seinem Kriegstagebuch verewigt. Er ist wohl der eigentliche Schlüssel für die kampflose Einnahme Ahlens. Hatte Sidney Hinds in Paul Rosenbaum als seinem Gegenüber im grauen Mantel mit hochgebundenem Schal auf den ersten Blick einen der ungeliebten „Nazi-Offiziere“ ausgemacht, so beeindruckte den amerikanischen Offizier, der in seiner Heimatgemeinde vor und nach dem Krieg praktizierender Christ war, die Bitte Rosenbaums zutiefst. „Ein Nazi würde in so einer Situation nicht die Worte „Gott“ und „Barmherzigkeit“ aussprechen, erinnerte er sich beim Blick in seine alten Notizen. - Später schloss sich nach vielen Telefonaten aus dem Ahlener Rathaus heraus auch die Stadt Beckum dem kampflosen Beispiel Ahlens an. Vernunft und Menschlichkeit siegten „unter Feinden“ über fanatischen und verblendeten Durchhalte- und Endsieg-Wahnwitz.

Dr. Rosenbaum und der US-Offizier handelten in einer hochbrisanten Situation gegen ihnen auferlegte Befehle. Zweifelsohne sehr viel größer war das Risiko für Dr. Rosenbaum. Er übergab den US-Truppen gegen den Willen der NSDAP-Leitung kampflos die Stadt, die er weithin sichtbar mit Fahnen und Tüchern unter das humanitäre Zeichen des roten Kreuzes gestellt, zurückflutende deutsche Truppen um Ahlen herum umgeleitet und vor deren Toren er Panzersperren hatte schleifen lassen. Auch das sogenannte „letzte Aufgebot“ schickte er mit seinen Panzerfäusten und Gewehren aus eiligst ausgehobenen Gräben fort. Dabei setzte er sein Leben größter Gefahr durch in jenen Tagen gnadenlos zugreifende „fliegende Standgerichte“ des NS-Terror-Systems aus.

Das waren ganz gewiss keine leeren Drohungen. Wie grausam und unbarmherzig in den Wochen und Tagen kurz vor Kriegsende Befehlsverweigerungen gnadenlos bestraft wurden, zeigt sich am Beispiel des Oberstleutnants Josef Ritter von Gadolla. Er hatte überall weiße Fahnen hissen lassen und übergab als Kommandant am 4. April 1945, um 9 Uhr, die Stadt Gotha kompflos an die Allierten. Am gleichen Tage wurde er wegen „versuchter Übergabe des festen Platzes Gotha an den Feind“ verhaftet, durch ein Standgericht zum Tode verurteilt und am 5. April erschossen. von Gadolla starb mit dem Ausruf „Damit Gotha leben kann, muss ich sterben!“ Auf einer Gedenktafel – vom Ahlener Gold- und Silberschmiedemeister Werner Fischer und seiner Ehefrau Anni anlässlich eines Wochenendtrips am Hauptportal von Schloss Friedenstein in Gotha entdeckt – erinnern sich die Einwohner auch dort voller Dankbarkeit: „Durch sein mutiges Handeln wurden tausende Menschen und die Stadt vor der Zerstörung gerettet“.

In Ahlen wird die Erinnerung an das Handeln von Dr. Rosenbaum und Sidney Hinds auf Antrag des „Freundeskreises Ahlener Soldaten“ heute an einem dem historischen Ereignis würdigen Ort zusammengeführt. Es erfüllt sich damit auch ein großer Wunsch von Käthe Kalan, die vor einem Jahr 91-jährig verstarb. Sie stand Dr. Rosenbaum als Sekretärin oft zur Seite und trug viel zu aus ihren Aufzeichnungen und Erinnerungen zu den Schilderungen jener dramatischen Tage und Stunden bei. Sie hätte den heutigen Tag noch gerne miterlebt. Jedoch ließ der Verlauf einer schweren Erkrankung dies leider nicht mehr zu.

Im damaligen Städt. Gymnasium (heutiges Gebäude Stadtbücherei) kamen nach dem friedlichen Einzug der amerikanischen Soldaten Oberst Sidney Hinds und Oberfeldarzt Dr. Paul  Rosenbaum als Lazarettleiter in dessen Dienstzimmer zu einem ersten Gespräch über weitere Schritte zusammen, das dann später im Rathaus beim seinerzeitigen Bürgermeister Otto Jansen fortgeführt wurde. - - - Wichtig erscheint uns in direktem Zusammenhang damit auch die Anbringung einer erklärenden Gedenk-Inschrift im Eingangsbereich der Stadtbücherei, was unser Freundeskreis gerne übernehmen würde.

Das Schicksal Ahlens entschied sich aber bereits beim ersten Zusammentreffen von Dr. Rosenbaum und Colonel Hinds an der alten Mühle bei Walstedde. Eine von Dr. Rosenbaum danach angefertigte Bleistift-Zeichnung vom Mühlenstumpf erinnert an diesen historischen Moment mit seinem darunter von Hand geschriebenen Vermerk:
Hier übergab ich die Stadt Ahlen an den amerikanischen Colonel Sidney Hinds. - 31.III. 1945 / 12.30 Uhr

Brigadegeneral Hinds starb am 17. Februar 1991 in San Antonio (Texas) im Alter von 91 Jahren. Dort fand er auch seine letzte Ruhesttätte. Die Tagebuch-Eintragungen von Dr. Rosenbaum, der am  22. 9. 1954 im Alter von 59 Jahren in seiner Heimatstadt Kohlscheidt starb, schließen Ende April und September 1945 mit seinen folgenden Beobachtungen und Beschreibungen:
„Wenn ich in diesem Sommer durch die Straßen der Stadt ging, sah ich wohl die kleinen Narben, die Kriegs- und Nachkriegsgeschehen auch hier gerissen hat  . . . Eine tödliche Wunde ist Ahlen aber nirgendwo gerissen worden. Die sausenden Seilscheiben der Zeche Westfalen, die wieder rauchenden Schlote, die steil im Weichbild der Stadt wolkenwärts  ragenden, die unzerstörten Kirchen und Häuser, der trauliche Lampen- und Lichterschein, der im Abenddunst golden aus Fenstern gleißt, das Rauschen der Bäume im Park, das Geflöt und Getön der Vögel beglückt mich, wenn ich daran denke, dass ich in bescheidenem Maße mit dazu beitragen konnte, Menschen Siedlungen, Werke mit all ihrem Wert und ihrer Kultur zu erhalten.“

Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit!