Festrede des Präsidenten der IHK Nord Westfalen, Dr. Benedikt Hüffer

Foto: Der Präsident der IHK Nord Westfalen, Dr. Benedikt Hüffer
Der Präsident der IHK Nord Westfalen, Dr. Benedikt Hüffer

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Ruhmöller,
sehr geehrte Frau stv. Landrätin Festge,
Sehr geehrter Herr Schmidt,
meine Damen und Herren,

als ich gefragt wurde, ob ich heute die Festrede übernehmen möchte, brauchte ich nicht lange nachzudenken. Denn der heutige Anlass ist wahrlich ein besonderer.

Sehr geehrter Herr Aschentrup,
Herr Auental,
Herr Pilarski,
sie drei haben zusammen 2004 großen Mut bewiesen: Sie entschieden sich für den Schritt in die Selbstständigkeit. Ein großer Schritt, nicht ohne Risiko. Aber als Unternehmer dürfen wir das Risiko nicht scheuen: Wir müssen es vielmehr stets im Auge behalten und immer mit ihm rechnen. Das gehört zum Unternehmersein – neben dem notwendigen Erfolg.

Heute bleibt festzuhalten: Der Schritt in die Selbstständigkeit war genau der Richtige. Denn die Geschichte der Westfälischen Rohrwerke GmbH ist eine Erfolgsstory:

-    60 gesicherte Arbeitsplätze in Ahlen – Tendenz steigend.
-    Eine erwartete Produktion von 40 Millionen Metern Rohre in 2012 – aneinandergereiht entspricht das dem Erdumfang am Äquator!
-    Top 5 auf dem deutschen Markt für Mehrschichtverbundrohre

Diese Fakten, diese Erfolge sprechen eine eindeutige Sprache! Sie haben es geschafft, Sie haben die richtigen Schritte zurückgelegt. Herzliche Gratulation zur Auszeichnung. Beste Wünsche für die Zukunft!

Ganz besonders freuen wir uns als IHK natürlich darüber, dass auch wir in der Gründerzeit den Westfälischen Rohrwerken ein klein wenig helfen durften. Sei es durch die Beantwortung verschiedener Fragen zur Gründung oder aber Stellungnahmen zu Landesbürgschaften und den damals im Hintergrund laufenden Gesprächen. Die damals angegebenen Ziele zu Fertigungsmengen und Mitarbeitern haben Sie übrigens bereits weit übertroffen, auch dazu meine Glückwünsche!

Sehr geehrter Herr Aschentrup,
sehr geehrter Herr Auental,
sehr geehrter Herr Pilarski,
mit dem Schritt in die Selbstständigkeit zählen Sie zu den münsterländischen Mittelständlern. Ich ergänze: zu den erfolgreichen! Kaum eine andere Region Deutschlands ist so geprägt von mittelständischen, familiengeführten Betrieben. Von den 140.000 Mitgliedern der IHK Nord Westfalen beschäftigen nicht einmal 100 mehr als 500 Mitarbeiter. Unternehmern wie denen der Westfälischen Rohrwerke ist es zu verdanken, dass der mit dem Niedergang der Textilindustrie verbundene Strukturwandel im Münsterland längst erfolgreich abgeschlossen ist. Durch Innovationen und Mut zur Veränderung hat sich die Region zwischen Teutoburger Wald, Lippe und den Niederlanden zu einem wirtschaftlichen Tausendfüßler entwickelt. Heute ist das Münsterland Dank der Branchenvielfalt und der Vielzahl an kleinen und mittleren Betrieben weniger anfällig für Krisen. Sie treffen hier später ein, entfalten weniger Wirkung und gehen meistens eher wieder.

Meine Damen und Herren,
das bedeutet natürlich nicht, dass wir - quasi auf der Insel der Glückseligen - frei von Herausforderungen sind. Wir haben hier nur eine bessere Ausgangslage, sie zu meistern. Erlauben Sie mir drei dieser Herausforderungen anzusprechen.

Ganz oben auf der Liste steht erstens der demografische Wandel.
Wir werden in Deutschland älter und wir werden weniger. Das statistische Landesamt IT NRW geht in der günstigen Prognose davon aus, dass es bis 2030 in Nord-Westfalen rund 85.000 Erwerbspersonen weniger sind. Ein Minus von 7 Prozent. Bei der pessimistischeren Variante sind es sogar über 200.000 weniger. Das wäre dann fast vier Mal die Bevölkerung der Stadt Ahlen.
Für uns Unternehmer stellt sich damit als besondere Aufgabe: Wie sichern wir die Fachkräfte für unsere Betriebe? Bis 2025 fehlen in Nord-Westfalen 39.000, davon der größte Teil beruflich Qualifizierte, Fachwirte oder Meister (38.000). Bereits heute klagen schon einige über Schwierigkeiten, geeignete Bewerber zu finden. In unserer jüngsten Konjunkturumfrage sehen ein Drittel der Unternehmen in der Anwerbung von Fachkräften ein ernstzunehmendes Risiko für die weitere Geschäftsentwicklung.

Doch das Älterwerden geht auch an den Unternehmern nicht vorbei. Was in der Diskussion noch ignoriert wird ist nämlich, dass auch die Zahl der Unternehmer zurückgeht. In nicht einmal 20 Jahren werden in unserem IHK-Bezirk voraussichtlich 9.000 Unternehmerinnen und Unternehmer weniger aktiv sein als heute. Das ist jedenfalls zu erwarten, wenn es uns nicht gelingt, die Selbstständigenquote zu erhöhen.

Warum aber ist nun der Unternehmermangel eine besondere Herausforderung?
Zunächst einmal sind Unternehmer jetzt schon ziemlich rar: Nur gut fünf Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung in Nord-Westfalen sind unternehmerisch tätig. Diese vergleichsweise kleine Zahl ist risikobereit. Sie sind innovativ, umwerben die Märkte, sorgen für Aufträge und damit für Beschäftigung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Eigentum und persönliche Verantwortung für den Erfolg oder Misserfolg sind dabei untrennbar bei der Wertschöpfung miteinander verknüpft. Das wissen Sie, sehr geehrter Herr Auental, Herr Aschentrup und Herr Pilarski, nur zu gut!

Die Diskussion um Unternehmer und Unternehmertum wird zu eng unter Verteilungsgesichtspunkten geführt. Für mich ist die funktionale Rolle in der Gesellschaft die eigentlich entscheidende: Unternehmer setzen – eben unter Risiko – Arbeit und Kapital ein, um mit neuen Ideen Neues am Markt anbieten zu können. Sie sind die Treiber der Innovationen bei Produkten und Prozessen. Häufig genug gegen den Widerstand von Tradition und Trägheit. Gerade in der Sozialen Marktwirtschaft sind die Unternehmer somit die Motoren der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Gesellschaft verliert an Dynamik und Innovationskraft, wenn die „In-Gang-Setzer“ weniger werden.

Wir brauchen also das unternehmerische Element bei uns in Deutschland dringender denn je. Sonst wird es schwer fallen, in Zukunft Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit auf so hohem Niveau zu halten. Die gleich Auszuzeichnenden leisten diesen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Sozialen Marktwirtschaft. Wir hoffen natürlich, dass die Wertschätzung für das Geleistete auch über den heutigen Tag hinausgeht.

Meine Damen und Herren,
das Bild des Unternehmers hat durch die Finanz- und Wirtschaftskrise gelitten. Nur noch 31 Prozent der Menschen haben ein positives Bild von Unternehmern, 55 dagegen ein schlechtes. Vor 20 Jahren war das Verhältnis noch genau umgekehrt.

Aber: ganz so hoffnungslos ist die Situation nicht!
Denn laut einer Emnid-Umfrage bilden inhabergeführte Unternehmen dabei eine Ausnahme. Sie genießen in der Gesellschaft noch immer ein hohes Ansehen. Als wirtschaftliche „Problemlöser“ erreichen sie etwa doppelt so hohe Werte wie Manager von Großunternehmen. Es wird von ihnen aber auch erwartet, dass sie ihre Unternehmen werteorientiert führen. Drei Viertel der Bevölkerung meinen, dass das Leitbild des „ehrbaren Kaufmanns“ für heutige Unternehmer nach wie vor erstrebenswert ist.

Meine Damen und Herren,
das positive Bild des Familienunternehmers hat also zwei Seiten: Kompetenz und Anstand. Es vereint damit eine funktionale und eine moralische Dimension in sich. Die Bevölkerung hat hier ein feines Sensorium für den Kitt, der die Zivilgesellschaft zusammenhält. Das erzähle ich Ihnen, weil auch die heutigen Preisträger dieses feine Gespür haben. Dass die drei Herren kompetent sind, zeigt alleine die Erfolgsgeschichte der Westfälischen Rohrwerke. Das aber auch die zweite Dimension eine wichtige Rolle spielt, zeigt ein Motto des Unternehmens:
„Mehr Lebensqualität durch faire Arbeitsbedingungen“.
Solche Vorzeigeunternehmen brauchen wir, um das unternehmerische Fundament in unserer Gesellschaft zu stärken. Und um gerade in Politik und Medien eine größere gesellschaftliche Anerkennung der Unternehmerfunktion zu erreichen. Zusätzlich müssen wir mehr werben für Selbstständigkeit und die Übernahme unternehmerischer Verantwortung. Von der Schule über die Berufsbildung bis hin zur Ermutigung, ein Unternehmen fortzuführen oder gar zu gründen. So können wir dem demografischen Wandel begegnen und dem Unternehmermangel entgegentreten.
Wichtig ist darüber hinaus noch: Menschen, die mit guten Ideen den Schritt in die Selbstständigkeit wagen, darf keine Dagegen-Mentalität entgegen schlagen. Man muss vielmehr die Vorteile von Projekten sehen. Wie beispielsweise bei der Western-Stadt, die als weicher Standortfaktor für die Stadt Ahlen sicher ein Gewinn wäre.

Meine Damen und Herren,
die Westfälischen Rohrwerke sichern und stärken noch aus einem anderen Grund das Wohlergehen von Menschen in Ahlen und im Münsterland. Und damit komme ich zur zweiten Herausforderung:
Die Finanz- und Wirtschaftskrise, die uns noch immer beschäftigt, hat vielen die Augen geöffnet. Deutschland ist nicht mit, sondern gerade wegen seiner Industrie gestärkt aus der Krise gekommen. Und zu dieser Branche gehören auch die Westfälischen Rohrwerke.

Unzählige Gutachten und Studien stützen die Bedeutung des produzierenden Gewerbes für unser Land. Wachstumsraten von 3,7 und 3 Prozent in den letzten beiden Jahren belegen das eindrucksvoll. In Staaten wie England oder Griechenland findet zurzeit ein Umdenken statt. Dort hat man erkannt, dass nur Kreditwirtschaft, nur Tourismus, eben nur Dienstleistungen nicht funktioniert. Das gleiche gilt für Europa insgesamt. Die EU-Kommission will den Anteil der Industrie an der Bruttowertschöpfung von aktuell 15 Prozent auf 20 Prozent erhöhen. Eine Renaissance der Industrie! Wir können bei uns davon profitieren.
Denn bei uns in Nord-Westfalen zeigt die Industrie seit jeher ihre Vorteile für die Menschen. Ich erwähne es noch einmal: Sie gibt nicht nur Arbeitsplätze. Sie ist Problemlöser, Treiber der Dienstleistungen und Quelle des technischen Fortschritts. Nord-Westfalen ist eine starke Industrieregion! Der DGB-Regionsvorsitzende Rittermeier sagte auf dem letzten Parteitag der NRW-SPD: „Nicht das Ruhrgebiet ist das Zentrum der Industrie, sondern die ländlichen Regionen und da vor allem das Münsterland.“ Ich kann Ihnen hier versichern: Herr Rittermeier hat Recht! Und er genießt unsere vollste Zustimmung bei dieser Aussage!

Viele „hidden champions“ haben im Münsterland ihren Sitz. Mit den Füßen fest im Münsterland verwurzelt, doch mit ihren Augen und Ohren in der ganzen Welt. Der allergrößte Teil der 5.000 produzierenden Betriebe mit ihren 250.000 Arbeitsplätzen sind übrigens klein oder mittelständisch. Diese Unternehmen erwirtschaften fast ein Drittel der Wertschöpfung der Region, die mit 65 Mrd. Euro größer ist, als die der Slowakei. Und die Betriebe beliefern Kunden rund um den Globus. Es geht der Region gut, gerade weil wir international erfolgreiche Industrieunternehmen haben.

Mit unserer Industrie sind wir auch Teil der Globalisierung, meine Damen und Herren. Natürlich birgt dies Gefahren. Doch die Importkonkurrenz hat viele Betriebe internationaler werden lassen und so wettbewerbsfähiger gemacht. Der Auslandsumsatz stieg 2011 auf 17,3 Milliarden Euro. Das ist ein Plus von 17 Prozent zum Vorjahr. Die Exportquote bei uns liegt bei über 40 Prozent. Darüber können Sie, meine Herren Preisträger, natürlich nur milde lächeln. Ihr Export-Anteil ist mittlerweile doppelt so hoch.

Die Exporte tragen dabei nicht nur den regionalen Boom der Industrie. Wir können belegen, dass gerade erfolgreiche exportorientierte Branchen die Dienstleister gleichsam „vor sich her treiben“. Denn je erfolgreicher ein produzierendes Unternehmen auf den Weltmärkten ist, umso mehr Prozesse lagert es aus: Handels- und Logistikdienstleistungen, Wirtschaftsberatung, Bankdienstleistungen, IT-Dienste und viele mehr. Eine Untersuchung der Westfälischen Hochschule belegt: Exporterfolge der Industrie haben Arbeitsplätze nicht nur in der Industrie geschaffen, sondern im Verhältnis 1:1 auch in nachgelagerten Wertschöpfungsstufen.
Das bedeutet: Auf jeden Industriearbeitsplatz im Export kommt eine zusätzliche Arbeitsstelle im Dienstleistungsbereich.

Deshalb, meine Damen und Herren, braucht dieser industrielle Kern besonders hohe Aufmerksamkeit und - noch wichtiger - Akzeptanz. Ganz offensichtliche Entfremdungserscheinungen machen es der Industrie derzeit schwer. Wertschöpfungsanteil und Wertschätzung im Umfeld sind nicht immer ausgewogen, wie Herr Stegemann schon so schön sagte. Die Industrie scheint aus Sicht der Bevölkerung ihren Charme verloren zu haben.

Dort setzt zurzeit eine Initiative aus Industrieunternehmerinnen und Unternehmern in Nord-Westfalen an. Weit über 200 von Ihnen sind selbst aktiv geworden und haben eine ganz außergewöhnliche Akzeptanzoffensive initiiert. Mit vielfältigsten Aktionen versuchen Sie die Lücke zwischen Wertschöpfung und Wertschätzung wieder zu schließen.

Auch die rot-grüne Landesregierung unterstützt bei diesem wichtigen Thema. Die Aussagen zu Mittelstand und Industrie im Koalitionsvertrag lesen sich gut. Das klare Bekenntnis zum Industriestandort, dass die Ministerpräsidentin und der Wirtschaftsminister bei jeder sich bietenden Gelegenheit wiederholen, freut uns! Wir fordern aber jetzt auch die Umsetzung ein. Nicht neue Gesetze und Auflagen, sondern Platz und Raum für die gewerblichen Betriebe, um sich entwickeln zu können.

Meine Damen und Herren,
mein dritter und letzter Punkt: Was uns Unternehmerinnen und Unternehmern zusehends Sorgen bereitet, ist die Verschuldungssituation des Landes und der Kommunen.

So hat das Land NRW in den ersten acht Monaten ein Minus von 3,3 Mrd. Euro angehäuft. Während andere Bundesländer ihr Defizit zurückfahren oder gar schwarze Zahlen schreiben, baut NRW den Fehlbetrag sogar noch aus. Auch immer mehr Kommunen haben erhebliche finanzielle Probleme. Viele befinden sich in der Haushaltssicherung oder stehen kurz davor. Um die Probleme zu lösen, wird oftmals die oberflächlich betrachtet einfachste Lösung gewählt, die da heißt: Steuern rauf. Ich weiß: Es ist nicht angenehm, Einsparungen, Kürzungen vor der Bevölkerung zu vertreten. Aber: Die immer höheren Steuern- und Abgabelast gefährdet die Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstands. Innovation und Investitionen werden gebremst.

Meine Damen und Herren,
ich will die Diskussion nicht von der Wirtschaft auf andere ablenken. Nein, die Wirtschaft ist bereit, ihren Beitrag zu leisten, so wie sie es stets getan hat. Aber es darf eben kein einseitig auf die Einnahmen fixiertes Vorgehen geben. Warum erzähle ich Ihnen das? Nun, da es auch andere Städte gibt. Städte, die nicht nur die Einnahmenseite betrachten. Sondern auch die Ausgabenseite. Städte, die kritisch ihr Angebot durchleuchten. Wie Ahlen, sehr geehrter Herr Bürgermeister Ruhmöller!

Das Defizit von fast 6 Millionen Euro ist wahrlich nicht klein. Trotzdem wollen Sie die Steuern nicht anheben. Und Sie sind bereit, Einschnitte vorzunehmen und sich auch von Liebgewonnenem zu trennen. Damit sind Sie auf dem richtigen Weg! Wir als Wirtschaft unterstützen Sie dabei!

Meine Damen und Herren,
Wenn wir gemeinsam und konstruktiv die angesprochenen Herausforderungen angehen, also:
-    demografische Entwicklung und Unternehmermangel.
-    Industrieakzeptanz und Sicherung von Industriearbeitsplätzen.
-    Freiheiten und gute Bedingungen für Unternehmen zum Erhalt der internationalen Wettbewerbsfähigkeit.  

Dann bin ich mir sicher, dass das Münsterland als Wirtschaftsregion weiterhin stark bleibt. Und dass Menschen mit kreativen Ideen und dem Mut zur Veränderung ihre Vorstellungen umsetzen können. Um so erfolgreich zu werden wie die Westfälischen Rohrwerke, wie Sie meine Herren. Nochmals herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Leistung und alles Gute für die Zukunft!

Vielen Dank.