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„Ich stelle jeden Tag aufs Neue fest, wie viel Potenzial diese Stadt hat.“

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Ahlens im vergangenen Jahr neu gewählter Bürgermeister Matthias Harman blickt mit WN-Redaktionsleiter Peter Harke auf die ersten Wochen im Amt zurück.

„100-Tage-Bilanz“ mit Bürgermeister Matthias Harman

 

Herr Harman, Sie sind jetzt vier Monate im Amt, schon etwas mehr als 100 Tage – 124 sind es heute, um genau zu sein. Ganz simpel gefragt: Wie läuft’s?
Harman: Es läuft gut. Ich bereue keine Sekunde. Natürlich hat sich mein Arbeitsalltag komplett verändert. Man fängt morgens zwischen 7.30 und 8 Uhr hier im Büro an und weiß oft noch nicht genau, wie und wann und wo der Tag endet. Bisher war ich, glaube ich, nicht einen Abend vor 20 Uhr zu Hause. Heute Nachmittag habe ich aber tatsächlich mal frei, darf aber heute Abend noch die Premiere des neuen Stücks der Theatergruppe St. Ludgeri im Büz besuchen. Darauf freue ich mich.

Haben Sie es sich so vorgestellt?
Harman: Jein. Natürlich hatte ich eine Vorstellung davon, was auf mich zukommt. Aber am Ende des Tages sind es noch 50 Prozent on top. Ich hab’s mal überschlagen, seit Amtsantritt hatte ich etwas über 420 Termine. Der Kalender bestimmt schon Dein Leben. Ich will jetzt versuchen, mir da mal ein bisschen mehr Luft zu verschaffen. Man muss auch mal abschalten können, muss auch als Bürgermeister nicht 24/7 für jedermann erreichbar sein. Ich habe auch noch ein Familienleben, möchte auch mal nur der Matthias, der Papa oder der Ehemann sein.

Was hat Sie am meisten überrascht? Sie bekommen ja nun täglich Stück für Stück auch tieferen Einblick in die Abläufe innerhalb der Verwaltung. Gab es schon Situationen, wo Sie sich innerlich vor den Kopf geschlagen oder selbigen geschüttelt haben?
Harman: Ja, nicht täglich, aber das gibt es schon, dass ich mich manchmal frage ,Wieso macht ihr das noch so? Kann man das nicht einfacher gestalten?‘ Ich habe zum Beispiel mitbekommen, dass noch ziemlich viele Briefe von Hand eingetütet werden. Wie viel Arbeitskraft wird dafür aufgewendet? Wieso macht man das nicht maschinell? Ich bin ja auch angetreten mit der Absicht, das Thema Digitalisierung der Verwaltung voranzutreiben. Aber das ist ein langwieriger Prozess, in Teilen auch zäh, auch weil die Technik nicht immer schon ganz ausgereift ist. Wir haben uns gerade eine KI-Anwendung zur Bearbeitung von Wohngeldanträgen angeschaut, die aber noch in den Kinderschuhen steckt. Aber wir gucken uns die Prozesse ganz genau an und arbeiten daran, sie, wo möglich, zu optimieren.

Wie viel Prozent der 850 Beschäftigten der Stadt Ahlen kennen Sie schon persönlich, so dass Sie Gesichter, Namen und Aufgabenbereiche zuordnen können?
Harman: Das kann ich nicht quantifizieren. Ich habe es in der kurzen Zeit natürlich noch nicht geschafft, in alle Bereiche reinzuschauen. Aber sich jeden Namen zu merken, wäre ohnehin schwierig. Vielleicht wäre es eine gute Idee und nicht nur für mich hilfreich, Namensschilder einzuführen.

Und wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Kämmerer, Dirk Schlebes, der ja im Wahlkampf Ihr Gegner war?
Harman: Wir sind beide nicht nachtragend. Wir arbeiten gut und vertrauensvoll zusammen, Herr Schlebes ist für mich auch einer der wichtigsten Ansprechpartner gerade in der gegenwärtigen Haushaltssituation.

Die Pressemitteilung vom 11. Februar, in der die neuerliche Verschiebung der Haushaltseinbringung für 2026 publik gemacht wurde, las sich allerdings so, als hätten Sie gegenüber Herrn Schlebes ein Machtwort gesprochen. Da hieß es: „In den etwas mehr als drei Monaten als Bürgermeister habe er den Prozess zur Aufstellung des Zahlenwerkes durch die Kämmerei genau mitverfolgt, erklärt Harman und konstatiert: Sowohl in Bezug auf das Ergebnis als auch die Aufstellung gebe es Verbesserungspotenzial.“ Das könnte man durchaus als Kritik am Fachbereich von Herrn Schlebes  verstehen. Wo haben Sie denn konkret „Verbesserungspotenzial“ gesehen?
Harman: Ich würde nicht von Kritik sprechen. Ich habe mir die Positionen einfach noch mal im Einzelnen angeschaut, mir das eine oder andere erläutern lassen und hinterfragt, auch die Haushaltspläne der letzten Jahre zum Vergleich zur Hand genommen und festgestellt, dass einige Ansätze sich im Nachhinein als zu hoch herausgestellt haben. Daraufhin hat die Kämmerei im Austausch mit den Fachbereichen die Zahlen an einigen Stellen noch einmal angepasst.

Was bringt nun die Verschiebung um vier Wochen effektiv?
Harman: Eine bessere Zahl unterm Strich. Eine transparentere und auch ehrlichere Zahl.

Transparenz ist ein gutes Stichwort. Aus der Haushaltskommission ist bisher fast nichts nach außen gedrungen – durchaus erstaunlich. Das kann man zunächst mal positiv so interpretieren, dass konzentriert und ergebnisorientiert gearbeitet wird...
Harman (unterbricht):Absolut. Das ist sehr, sehr diszipliniert. Wir können sehr offen über alle Themen sprechen, und die Meinung des anderen wird auch akzeptiert. Es gibt kein Bashing. Und am Ende sprechen wir Empfehlungen aus, die dann natürlich vom Rat bewertet und diskutiert werden müssen. Denn der Rat trifft letztlich die Entscheidungen, nicht die Kommission.

Aber irgendwann möchte die Öffentlichkeit dann auch mal Ergebnisse sehen. Sie haben in Ihrer Antrittsrede in der konstituierenden Ratssitzung am 3. November wörtlich gesagt: „Unseren Bürgerinnen und Bürgern reinen Wein einzuschenken, wird keine freudige Sache sein, sie ist aber alternativlos.“ Also: Wann soll die Flasche entkorkt werden und wie bitter wird der „reine Wein“ schmecken?
Harman: Wir sind ja erst am Anfang im Arbeitskreis Haushaltskonsolidierung, im Grunde noch bei der Bestandsaufnahme. Die großen Brocken, bei denen dann die Bürger unter Umständen auch schmerzhafte Einschnitte zu spüren bekommen werden, liegen noch vor uns. Klar ist für mich: Die Verwaltung muss immer ein Stück weit Vorbild sein und zeigen, dass wir auch bereit sind, Einsparungen bei uns selbst vorzunehmen. Manchen, draußen, aber eben auch hier im Haus, scheint noch nicht wirklich bewusst zu sein, in welcher Lage wir uns befinden. Ich werde darum am 24. März, also zwei Tage vor der Haushaltseinbringung für 2026, alle Führungskräfte bis runter auf die Gruppenleiterebene in den Ratssaal einladen, um zusammen mit dem Kämmerer und mit Unterstützung durch Dr. Karl-Uwe Strothmann, den früheren Beckumer Bürgermeister, der uns bei der Haushaltskonsolidierung berät, einen Überblick zu geben. Und für den 14. April – Stichwort „reiner Wein“ – ist eine öffentliche Ratsinformationsveranstaltung geplant, an der alle interessierten Bürgerinnen und Bürger teilnehmen können.

Zahlen werde ich Ihnen vermutlich heute noch nicht entlocken können. Zumindest gab es mit Blick auf dieses Haushaltsjahr aber schon ein paar Hinweise, die darauf schließen lassen, dass die Welt in Ahlen noch nicht morgen untergehen wird. Die Mammutspiele sollen wie gewohnt in den Sommerferien stattfinden, auch das Stadtfest wird wohl nicht ausfallen müssen. Und quasi im Vorgriff auf die Haushaltsverabschiedung hat der Rat bereits die Verlängerung des freiwilligen Zuschusses für die OGS für das Schuljahr 2026/27 beschlossen…
Harman: Und dieses Signal ist auch wichtig. Wir wollen jetzt nicht mit dem Rasenmäher oder der Motorsäge an alle freiwilligen Leistungen drangehen. Hier wird ja auch wichtige Präventionsarbeit geleistet. Die Stadt muss lebensfähig bleiben, die Stadt muss weiter attraktiv sein.

In der besagten Pressemitteilung wurden Sie weiter mit der Aussage zitiert: „Gerade das erste Jahr im Amt ist der richtige Zeitpunkt, um neue Akzente zu setzen und Strukturen zu hinterfragen.“ Welche neuen Akzente wollen Sie setzen, welche Strukturen hinterfragen? Wir haben das Thema eben schon kurz angerissen.
Harman: Ja, ich schaue mir natürlich auch das Organigramm der Verwaltung an, und da gibt es durchaus Überlegungen, das eine oder andere zu verschieben und zu ändern. Da bin ich gerade dabei, aber noch ist nichts spruchreif. Wenn ich was verändern will, muss ich das jedenfalls in diesem Jahr angehen und nicht erst, wenn meine Amtszeit schon halb vorbei ist.

Neben der Haushaltskonsolidierung – welche weiteren Problemstellungen sehen Sie in nächster Zukunft und welche Vorhaben möchten Sie in diesem Jahr noch mit Priorität angehen?
Harman: Was ich zurzeit auch sehr eng begleite, sind Stadtentwicklung und die Wirtschaftsförderung. Ich bin mit Matthias Panick von der WFG wöchentlich ein, zwei Mal im Kontakt. Den ersten Unternehmensbesuch haben wir schon zusammen absolviert, die nächsten Termine im März und April sind vereinbart. Dieser persönliche Austausch ist mir sehr wichtig, denn die Wirtschaft ist das Rückgrat dieser Stadt. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Familienpolitik, die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum vorneweg. Darin liegen auch Chancen für Ahlen im Wettbewerb mit anderen Städten wie Münster oder Telgte, wo die Preise in die Höhe schießen oder auch kaum noch Grundstücke zu bekommen sind.

Hat sich in den zurückliegenden vier Monaten Ihr Blick auf Ahlen verändert?
Harman: Vielleicht insofern, wie ich es gerade schon angedeutet habe. Ich stelle jeden Tag aufs Neue fest, wie viel Potenzial diese Stadt hat. Das müssen wir nur auch ausschöpfen und noch viel besser vermarkten. Wir sind ein attraktiver Wirtschaftsstandort, haben ein vielfältiges kulturelles Angebot, tolle Parks und Sportanlagen, sind bei Kitas und Schulen gut aufgestellt und haben eigentlich auch eine schöne Innenstadt. Wenn die Leerstände nicht wären und die Kaufkraft höher… Das sind Baustellen, derer müssen wir uns annehmen. Aber wir müssen auch realistisch sein.
 


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