„Gegen das Vergessen" – Ein Projekt von Luigi Toscano
Eröffnung der Freiluft-Ausstellung
Dienstag, 27.01.2026, 10:00 Uhr

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„Gegen das Vergessen“ ist das multimediale Erinnerungsprojekt des deutsch-italienischen Fotografen und Filmemachers Luigi Toscano aus Mannheim betitelt. Seit 2014 trifft und porträtiert er dafür weltweit Überlebende der NS-Verfolgung. Knapp 500 dieser Begegnungen gab es bereits in Deutschland, den USA, Österreich, der Ukraine, Russland, Israel, den Niederlanden und Weißrussland. 40 dieser Bilder werden in Ahlen auf dem Pausenhof des Städtischen Gymnasiums gezeigt.
Die Ausstellung wird am Dienstag, 27. Januar, anlässlich des internationalen Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus, eröffnet. An diesem Tag wurde vor 81 Jahren das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Die überlebensgroßen Fotografien sind bis einschließlich Donnerstag, 12. Februar, zu sehen.
Es handelt sich um ein Kooperationsprojekt des Ahlener Friedensbündnisses mit dem Städtischen Gymnasium und der katholischen Overbergschule, der einzigen Hauptschule im Kreis Warendorf. Das Projekt wird aus dem neuen Schulförderprogramm des Kreises Warendorf, „Demokratie leben lernen“ finanziert. Es soll zur Stärkung historisch-politischer und demokratischer Bildung von Kindern und Jugendlichen dienen. Das Förderprogramm ist beim Kreisarchiv des Kreises Warendorf angesiedelt. Zur Eröffnung am 27. Januar im Städtischen Gymnasium wird auch Landrat Dr. Olaf Gericke erwartet.
Für die Eröffnung haben Schülerinnen und Schüler beider Schulen in den vergangenen Monaten ein Programm vorbereitet. Mit Ahlener jüdischen Familien und ihrem Schicksal hat sich eine Gruppe der Overbergschule mit ihrem Lehrer Manuel Jakobi beschäftigt. „Auschwitz vor Gericht“ heißt ein Theaterstück basierend auf dem Buch „Die Ermittlung“ von Peter Weiß, das Tobias Meemann mit einer Schülergruppe einstudiert hat.
Luigi Toscano und sein Team wollen mit der Ausstellung der Erinnerungskultur ein Gesicht geben: Wie konnten Menschen anderen Menschen so viel Leid zufügen? Warum hat niemand etwas getan? Und wie kann verhindert werden, dass so etwas nie wieder geschieht? Ziel der Ausstellung ist es, eine aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte und den Themen Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung anzuregen – mit dem Blick auf die Gegenwart und die Zukunft. Die Ausstellung versteht sich zugleich als Impuls, sich für eine vielfältige und demokratische Gesellschaft einzusetzen.
Die überlebensgroßen Porträts werden im öffentlichen Raum ausgestellt und erreichen den Betrachter so persönlich und emotional, unabhängig von Alter, Herkunft, Sprache oder Bildung. Bislang haben weltweit mehr als eine Million Besucher die Ausstellung „Gegen das Vergessen“ auf diese Weise persönlich erlebt.
Die Ausstellung ist bis 12. Februar montags bis freitags von 8 bis 16.30 Uhr für die Öffentlichkeit zugänglich. Termine für eine Führung durch die Ausstellung können per E-Mail an: tobias.meemann@sgahlen.eu vereinbart werden. An den beiden Samstagen, 31. Januar und 7. Februar, ist ein Besuch von 12 bis 14 Uhr mit Führungen durch Vertreter des Ahlener Friedensbündnisses möglich.
Im Rahmen der Ausstellung finden auch zwei Lesungen mit dem renommierten Historiker Prof. Götz Aly statt. In seinem neuen Buch „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“. Götz Aly schildert in einer fesselnden Erzählung die Herrschaftsmethoden, mit denen die NS-Machthaber Millionen Deutsche in gefügige Vollstrecker oder in vom Krieg abgestumpfte Mitmacher verwandelten – und von denen nicht wenige beängstigend aktuell sind.
Eine öffentliche Lesung findet am Dienstag, 10. Februar, ab 19 Uhr in der Aula des Städtischen Gymnasiums statt. Zuvor ist ab 18 Uhr ein Rundgang durch die Holocaust-Ausstellung auf dem Schulhof möglich. Am Mittwoch, 11. Februar, ist Prof. Aly Gast am Bischöflichen Gymnasium St. Michael bei einer schulinternen Lesung für die weiterführenden Schulen in Ahlen.
Weitere Infos unter: www.luigi-toscano.com
Weitere Infos:
GEGEN DAS VERGESSEN ist das multimediale Erinnerungsprojekt des deutsch-italienischen Fotografen und Filmemachers Luigi Toscano. Seit 2014 trifft und porträtiert er dafür weltweit Überlebende der NS-Verfolgung. Mehr als 400 dieser Begegnungen gab es bereits in Deutschland, den USA, Österreich, der Ukraine, Russland, Israel, den Niederlanden und Weißrussland. Und noch werden es mehr, doch die Jahre sind gezählt: In nicht allzu ferner Zukunft wird es keine lebenden Zeitzeugen mehr geben.
„Wie konnten Menschen anderen Menschen so viel Leid zufügen? Warum hat niemand etwas dagegen getan? Wie können wir verhindern, dass so etwas je wieder geschieht?“ Lange bevor Luigi Toscano mit dem Fotografieren begann, haben ihn diese Fragen nicht losgelassen. Im September 2014 bekam er dann endlich die Gelegenheit, persönlich mit Überlebenden darüber sprechen: Fünf ehemalige KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter aus Polen, die zu einer Gedenkveranstaltung in Toscanos Heimatstadt Mannheim gekommen waren, erklärten sich bereit, GEGEN DAS VERGESSEN zu unterstützen. Schon damals war klar: Das wird viel mehr als ein kurzfristiges Projekt. Und es wird alles andere als einfach.
Viele, denen Luigi Toscano von seiner Projektidee erzählte, reagierten mit Skepsis und Zurückhaltung. Unzählige Versuche, über Verbände oder Vereine Kontakt mit Überlebenden aufzunehmen, liefen ins Leere. Politische und finanzielle Unterstützung gab es anfangs kaum. Einigen war das Thema zu heikel, andere erklärten, sie wollen lieber in die Zukunft investieren und das Vergangene ruhen lassen. Immer wieder kam Luigi Toscano an seine Grenzen, finanziell, physisch, aber auch emotional. Mehr als einmal stand das Projekt vor dem Aus, weil einfach niemand wusste, wie es weitergehen soll. Irgendwie ging es dann aber immer weiter, denn Aufgeben war trotz aller Schwierigkeiten nie eine Option. Die Menschen, denen Luigi Toscano bereits begegnet war, haben ihm zu viel anvertraut. Und sie haben ihn dazu ermutigt, weiterzumachen.
Hinter jedem Porträt steht eine ganz persönliche Geschichte. Jede von ihnen ist einzigartig, aber jede wurde auch für die vielen anderen erzählt, die nicht mehr gehört werden können. Es sind Geschichten von Kindern, deren Familien verschleppt und ermordet wurden. Geschichten von Jugendlichen, die gedemütigt und misshandelt wurden. Erinnerungen an Leid, Hunger und Kälte; an Angst, Verrat und Tod. Manchmal erzählen die Geschichten auch von Hoffnung, Freundschaft und Menschlichkeit. Bei fast jedem Gespräch wurde deutlich: Es begann nicht plötzlich mit Vertreibung und Völkermord. Es war ein schleichender Prozess, der die Mauern in den Köpfen immer höher baute. Die Mauern, die „uns“ von „den Anderen“ trennten. Die Mauern, die „die Anderen“ immer weiter herabwürdigten und entfremdeten, bis sie nicht mehr wie Menschen behandelt wurden. Diese „Anderen“ sind die Gesichter des Projekts GEGEN DAS VERGESSEN.
Fast 75 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager ist die Distanz zu den Verbrechen im Nationalsozialismus weiter gewachsen. „Was habe ich damit zu tun? Ich war damals ja noch nicht mal geboren! Warum müssen wir immer wieder in die Vergangenheit schauen? Irgendwann ist doch mal gut!“ Die KZ-Überlebende und Protagonistin Susan Cernyak-Spatz brachte die Bedeutung einer lebendigen Erinnerungskultur schon bei der ersten Begegnung mit Luigi Toscano auf den Punkt: „Wenn wir die Vergangenheit vergessen, sind wir verdammt, sie zu wiederholen.“ Dieses Zitat von George Santayana wurde zu einem der Leitgedanken des Projekts. Die Vergangenheit lässt sich nicht von der Gegenwart und Zukunft trennen, denn der Umgang mit der Geschichte prägt unser Denken und Handeln.
Der Kampf GEGEN DAS VERGESSEN ist seit Projektbeginn 2014 noch dringlicher geworden. Weltweit feiern Rechtspopulisten Wahlerfolge und überschreiten nicht nur verbal immer neue Grenzen. Rassistische und antisemitistische Feindbilder werden konstruiert und offen verbreitet. 2017 zog eine Partei in den Deutschen Bundestag ein, die mit Nazi-Rhetorik Ängste schürt und mit Fremdenfeindlichkeit Wähler gewinnt. Eine Partei, die Rechtsradikale und Holocaustleugner in ihren Reihen vereint. Jüdische Menschen und Einrichtungen wurden Opfer antisemitischer Anschläge. Und Tausende Frauen, Männer und Kinder sind bereits auf der Flucht gestorben. Ihr Tod wird in vielen Kommentarspalten mit einem Achselzucken abgetan. „Wir können ja auch nicht alle aufnehmen.“ Sie sind „die Anderen“ von heute, die nicht dazugehören sollen.
Luigi Toscano kämpft mit GEGEN DAS VERGESSEN gegen jede Form von Ausgrenzung und für Offenheit, Toleranz und Demokratie. Er gibt der Erinnerungskultur mit seinem Projekt ein menschliches und emotionales Gesicht. Dadurch überwindet er die historische Distanz zu den NS-Verbrechen und zeigt: Damals wie heute gibt es viel mehr Gemeinsamkeiten, die uns verbinden, als Unterschiede, die uns trennen.
Seine überlebensgroßen Porträts präsentiert Luigi Toscano an zentralen Orten, die für alle zugänglich sind – Parks, Plätze oder Häuserfassaden. Auf diese Weise finden sie einen direkten Zugang in den Alltag und das Bewusstsein der Menschen – unabhängig von Herkunft, Alter oder Bildung. Diesem demokratischen Anspruch bleibt GEGEN DAS VERGESSEN bereits seit vielen Jahren treu. Im Hinblick auf konkrete Formen und Konzepte dagegen ist das Projekt offen für neue Impulse und Kooperationen. Ein Schwerpunkt ist die Zusammenarbeit mit Schulen, Vereinen und Pädagogen. Dadurch haben Jugendliche die Möglichkeit, ihre Ideen einzubringen und die Art und Weise mitzugestalten, wie das Projekt seine Botschaft vermittelt.
Mehr als eine Million Besucher weltweit haben die Fotoinstallation GEGEN DAS VERGESSEN bereits persönlich erlebt. Erstmals wurde die Fotoinstallation 2015 in Luigi Toscanos Heimatstadt Mannheim gezeigt. 2016 war sie zum Staatsakt des Gedenkens an die Massaker von Babyn Jar in Kiew eingeladen. Es folgten drei weitere Stationen in der Ukraine und zwei in Berlin. 2018 war GEGEN DAS VERGESSEN zum Internationalen Holocaust-Gedenktag bei den Vereinten Nationen in New York City zu Gast, später in Washington, D.C. und Boston. 2019 reiste das Projekt nach San Francisco. Mit der Eröffnung in Wien und Mainz war die Installation erstmals in drei Städten gleichzeitig zu sehen. Es folgten Stationen in Kansas City und Pittsburgh, bei den Vereinten Nationen in Genf und in Dortmund. Am 27. Januar, dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, wurde die Ausstellung am UNSECO-Hauptquartier in Paris gezeigt. Zuletzt war sie im Mai 2021 in Heidelberg zu Gast.
Ein bedeutendes Teilprojekt von GEGEN DAS VERGESSEN ist der gleichnamige Dokumentarfilm. Er feierte im Mai 2019 Premiere beim Seattle International Film Festival. Die Deutschlandpremiere fand am 4. November 2019 in Berlin statt. 2020 wurde GEGEN DAS VERGESSEN für den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis 2020 nominiert. Grundlage für den Film waren Mitschnitte der ersten Reisen und Begegnungen im Rahmen des Projekts.
Auch nach mehr als 70 Jahren war es für die meisten Überlebenden unbeschreiblich schmerzlich, über ihre Erlebnisse während der NS-Verfolgung zu sprechen. Sie haben es trotzdem getan. Nicht um zu klagen oder anzuklagen, sondern weil sie davon überzeugt sind, dass niemand mehr erleben darf, was sie erlebt mussten: „Wenn nicht wir, wer dann?“ Luigi Toscano und sein Team werden die Erinnerungen lebendig halten und in die Welt tragen – auch nach ihrem Tod. Und Luigi und sein Team haben versprochen, sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus zu wehren. Nie wieder dürfen sich die unfassbaren Verbrechen des Nationalsozialismus wiederholen! Unsere Demokratie wird gewinnen.
Quelle: www.luigi-toscano.com
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