Immer wieder formulierte Horst Jaunich, der nach eigenen Worten als junger Mann in seiner Geburtsstadt Breslau „zuerst die braune und später auf der Flucht die rote Diktatur erfahren musste“, unmissverständlich: „Für die Demokratie kämpfe ich leidenschaftlich, bis an mein Lebensende.“ Für Harman waren diese Worte persönliches Bekenntnis und Ausdruck eines Lebenswerks, das nun seine Vollendung gefunden habe.
1957 wurde Horst Jaunich erstmals in den Rat der Stadt Ahlen gewählt. Mit einer kurzen Unterbrechung gehörte er der SPD-Fraktion insgesamt 33 Jahre an. 1984 wurde er zum letzten ehrenamtlichen Bürgermeister der Stadt Ahlen gewählt. Zwölf Jahre lang stand er an der Spitze unserer Stadt. Er war ein Bürgermeister, der nicht auf Konfrontation setzte, sondern auf Verständigung. Er konnte Menschen zusammenführen, Vertrauen schaffen und politische Mehrheiten auch dort organisieren, wo die eigenen Mehrheiten fehlten. Nicht Amtsmacht, sondern Überzeugungskraft war sein Instrument. Nicht Lautstärke, sondern kluge und integrative Führung zeichnete ihn aus.
Sein politisches Engagement reichte weit über Ahlen hinaus. Als Bundestagsabgeordneter und als Obmann der SPD-Bundestagsfraktion für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte setzte er sich für Menschen ein, deren Lebenswege von Flucht, Vertreibung und Krieg geprägt waren. Seine eigene Biografie hatte ihn früh erfahren lassen, was Diktatur, Verlust von Heimat und Unterdrückung bedeuten. Aus diesen Erfahrungen erwuchs sein lebenslanger Einsatz für Freiheit und Demokratie.
Besonders am Herzen lag ihm die Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und die Aussöhnung mit den früheren jüdischen Bürgerinnen und Bürgern Ahlens. Seine Initiative, 1985 ehemalige jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger nach Ahlen einzuladen, war ein bedeutender Schritt zu einer aufrichtigen Erinnerungskultur. Im selben Jahr wurde auf seine Initiative hin an der Klosterstraße ein Mahnmal für die Ahlener Opfer der Shoah errichtet.
Dass Erinnerung, Dialog und Verständigung bis heute einen festen Platz im gesellschaftlichen Leben unserer Stadt haben, ist auch sein Verdienst. Bis zuletzt engagierte er sich gemeinsam mit anderen für die Themenwoche „Erinnerung und Dialog“. Er wusste: Wer Zukunft gestalten will, darf die Vergangenheit nicht vergessen.
Doch Horst Jaunich stand nicht nur für die ernsten und mahnenden Seiten unserer Stadtgeschichte. Er war zugleich ein leidenschaftlicher Gestalter des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens. Mit Recht darf man ihn als einen Vater des Ahlener Stadtfestes bezeichnen. Auch die Entwicklung der Schuhfabrik zum Bürgerzentrum erhielt durch seine Unterstützung wichtige Impulse. Gemeinsam mit Weggefährten schuf er damit Voraussetzungen für eine lebendige Kultur- und Soziokultur, von der Ahlen bis heute profitiert.
Ein besonderes Anliegen war ihm stets, Menschen zusammenzubringen – unabhängig von ihrer Herkunft. Als Bürgermeister setzte er sich früh für die politische Beteiligung von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte ein und trug dazu bei, dass Ahlen einen der ersten Ausländerbeiräte Nordrhein-Westfalens erhielt.
Auch die europäischen und internationalen Verbindungen unserer Stadt lagen ihm am Herzen. Die Städtepartnerschaft zwischen Ahlen und Teltow wurde unter seiner maßgeblichen Mitwirkung begründet. Heute können wir sehen, wie tragfähig diese Verbindung geworden ist. Sie steht beispielhaft für das, was Horst Jaunich wichtig war: Brücken zu bauen und Beziehungen zu schaffen, die über politische und historische Grenzen hinweg Bestand haben.
Für seine außergewöhnlichen Verdienste um unsere Stadt wurde Horst Jaunich bereits 1967 mit dem Ehrenring und 1987 mit der Ehrenmedaille der Stadt Ahlen ausgezeichnet. Im Jahr 2003 verlieh ihm die Stadt gemeinsam mit Herbert Faust die Ehrenbürgerwürde. Damit erhielt er die höchste Auszeichnung, die Ahlen zu vergeben hat. Diese Würdigung war Ausdruck des tiefen Respekts vor einem Lebenswerk, das weit über politische Ämter hinausreicht.
Wir haben Horst Jaunich zuletzt zu seinem 95. Geburtstag als wachen, leidenschaftlichen und lebensfrohen Menschen erlebt. Es war ein Geschenk, diesen besonderen Tag noch gemeinsam mit ihm begehen zu dürfen. Dass er sich damals ausdrücklich gewünscht hatte, diesen Geburtstag mit einem Empfang der Stadt Ahlen im Ratssaal zu feiern, war bezeichnend für seine tiefe Verbundenheit mit Ahlen.
Nun ist Horst Jaunich von uns gegangen.
Sein Rat wird uns fehlen. Seine Stimme wird uns fehlen. Vor allem aber wird uns ein Mensch fehlen, der über Jahrzehnte hinweg Verantwortung übernommen und sich eingemischt hat aus Überzeugung, aus Pflichtgefühl und aus Liebe zu seiner Stadt.
Die Stadt Ahlen ist Horst Jaunich zu großem Dank verpflichtet. Wir werden sein Wirken in Erinnerung behalten und seine Haltung als Auftrag verstehen: Demokratie zu verteidigen, Geschichte nicht zu verdrängen, den Dialog zu suchen und die Menschen zusammenzuführen.
Unser Mitgefühl gilt seiner Familie und allen Menschen, die ihm nahestanden.
Die Stadt Ahlen verneigt sich vor ihrem Ehrenbürger Horst Jaunich. Wir werden ihm ein ehrendes und dankbares Andenken bewahren.
Matthias Harman
Bürgermeister der Stadt Ahlen
