„Pflegeverantwortung kommt häufig unerwartet und sie kann jede und jeden von uns treffen“, erklärt Bürgermeister Matthias Harman. „Als Stadtverwaltung wollen wir unsere Beschäftigten in solchen Situationen nicht alleinlassen. Mit der Charta machen wir deutlich, dass wir die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege als wichtigen Bestandteil einer modernen und mitarbeiterorientierten Verwaltung verstehen.“
Der Bedarf an entsprechenden Unterstützungsangeboten nimmt angesichts der demografischen Entwicklung weiter zu. Im Jahr 2024 gab es in Deutschland rund 5,7 Millionen pflegebedürftige Menschen. Nach Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes könnte die Zahl bis 2035 auf rund 6,1 Millionen und bis 2055 auf etwa 7,6 Millionen steigen. Rund 86 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt. Ein großer Teil der Versorgung wird dabei von Angehörigen übernommen.
Individuelle Beratung durch die betriebliche Pflegelotsin
Bei der Stadtverwaltung Ahlen gibt es bereits seit 2019 eine zertifizierte betriebliche Pflegelotsin: Birgit Burian steht Kolleginnen und Kollegen mit insgesamt zehn Wochenstunden für Fragen rund um die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zur Verfügung. Aktuell führt sie durchschnittlich zwei bis drei Beratungen pro Woche durch. Einige Fälle werden dabei über einen längeren Zeitraum begleitet.
„Wenn ein Angehöriger plötzlich pflegebedürftig wird, entstehen für die Betroffenen viele Fragen gleichzeitig: Wie lässt sich die Arbeitszeit organisieren? Welche gesetzlichen Möglichkeiten gibt es? Welche Unterstützung kann ich außerhalb des Arbeitsplatzes bekommen?“, beschreibt Birgit Burian ihre Arbeit. „Wir schauen uns die persönliche Situation gemeinsam an und suchen anschließend nach einer Lösung, die möglichst gut zum jeweiligen Pflege- und Arbeitsalltag passt.“
Die Beratungen finden persönlich oder telefonisch statt und können häufig auch kurzfristig in Anspruch genommen werden. Grundlage ist eine eigens entwickelte Checkliste, mit deren Hilfe die individuelle Situation zunächst strukturiert erfasst wird. Anschließend werden mögliche Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege geprüft.
Dazu können beispielsweise flexible Arbeitszeitmodelle, Veränderungen der Arbeitsorganisation oder gesetzliche Freistellungsmöglichkeiten nach dem Pflegezeit- und Familienpflegezeitgesetz gehören. Bei Bedarf vermittelt die Pflegelotsin zudem Kontakte zu externen Beratungs- und Unterstützungsangeboten.
Gut vernetzt für individuelle Lösungen
Die betriebliche Pflegelotsin arbeitet dabei mit verschiedenen Partnern zusammen. Zum Netzwerk gehören unter anderem das Regionalbüro Münsterland Alter, Pflege und Demenz, die Pflege- und Wohnberatung der Stadt Ahlen sowie Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner bei den Krankenkassen.
„Die Stärke der Pflegelotsenarbeit liegt für mich vor allem darin, dass wir nicht bei der ersten Frage stehen bleiben müssen“, so Birgit Burian. „Wenn eine Beratung zeigt, dass weitere Unterstützung notwendig ist, können wir auf ein gut ausgebautes Netzwerk zurückgreifen und gemeinsam mit den Beschäftigten die nächsten Schritte klären.“
Von den zehn wöchentlichen Arbeitsstunden der Pflegelotsin entfallen rund sechs Stunden auf die Beratung. Weitere vier Stunden dienen der Netzwerkarbeit, Recherche und der Aktualisierung von Informationen.
Vorteile für Beschäftigte und Verwaltung
Die Teilnahme am Landesprogramm eröffnet der Stadt Ahlen weitere Möglichkeiten. Dazu gehören der Zugang zum digitalen Portal des Landesprogramms, die Einbindung in Netzwerke auf Ebene des Münsterlandes und Nordrhein-Westfalens sowie regelmäßige digitale Netzwerktreffen. Auch ein „Pflegekoffer“ und die kostenfreie Zertifizierung weiterer betrieblicher Pflege-Guides gehören zum Angebot. Die Pflege-Guides werden zudem durch das Servicezentrum des Landesprogramms bei ihrer Tätigkeit unterstützt.
Für die Beschäftigten stehen vor allem Information, Sensibilisierung und eine schnelle, individuelle Beratung im Mittelpunkt. Passgenaue Lösungen können dazu beitragen, Belastungen in einer Pflegesituation zu reduzieren und berufliche Ausfallzeiten zu vermeiden. Auch mit Blick auf die Personalgewinnung und -bindung gewinnt das Thema an Bedeutung. Ein Arbeitgeber, der Beschäftigte bei der Übernahme von Pflegeverantwortung unterstützt, kann damit nach innen wie nach außen ein Signal für eine mitarbeiterorientierte Arbeitskultur setzen.
„Die Unterzeichnung der Charta ist deshalb nicht nur ein formaler Schritt“, betont Bürgermeister Matthias Harman. „Sie steht für eine Haltung: Wir wollen hinschauen, wenn Beschäftigte neben ihrem Beruf Verantwortung für pflegebedürftige Angehörige übernehmen, und wir wollen gemeinsam nach praktikablen Lösungen suchen.“
Mit der Stadt Ahlen beteiligen sich inzwischen zahlreiche Unternehmen, Behörden, Kommunen und weitere Organisationen am Landesprogramm. In Nordrhein-Westfalen sind insgesamt 729 Betriebe dabei, im Kreis Warendorf gehören unter anderem der Kreis Warendorf, die Stadt Drensteinfurt, das Finanzamt Warendorf, das Amtsgericht Beckum, die Gesellschaft für Wirtschaftsförderung im Kreis Warendorf sowie die Bernd Münstermann GmbH & Co. KG zu den teilnehmenden Einrichtungen und Unternehmen.
Die Stadt Ahlen knüpft mit der Unterzeichnung der Charta damit an ihre bereits seit mehreren Jahren bestehende praktische Unterstützung pflegender Beschäftigter an und entwickelt diese im Rahmen des Landesprogramms weiter.
